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Luftlinie befördert behinderte Passagiere an die frische Luft Home  |  Suchen
Quelle: Stuttgarter Zeitung, 29.7.2003

Air France verweigert vier geistig Behinderten den Heimflug, weil sie kein ärztliches Attest vorweisen können

LUDWIGSBURG. Vor dem Start ist für vier geistig Behinderte der Heimflug von Barcelona beendet gewesen. Eine Air-France-Crew weigerte sich, die Gruppe und ihre Betreuerin von der Karlshöhe Ludwigsburg zu befördern. Die Passagiere wurden an die frische Luft gesetzt.

Von Carola Sauer

Der Urlaub war schön gewesen. Gemeinsam hatten die vier geistig Behinderten und ihre Betreuer von der Ludwigsburger Karlshöhe zwei Wochen an der Costa Brava verbracht. Dort erholten sie sich von der Arbeit in der Werkstatt für Behinderte, wo die vier 40 bis 60 Jahre alten Männer im Maschinenraum schaffen oder Stecker zusammenbauen. Gebräunt von der spanischen Sonne wollte die Gruppe am 12. Juli mit dem Flugzeug von Barcelona aus über Paris nach Stuttgart fliegen - mit der Luftlinie Air France, wie schon bei der Anreise.

Der Flug Nummer 1649 war gebucht, die Tickets hielt die Betreuerin parat, das Einchecken funktionierte problemlos, auch beim Boarding gab es keine Schwierigkeiten. Kaum saß die Gruppe im Flugzeug auf ihren Plätzen, ging der Ärger los: Der Pilot weigerte sich zu starten. Die Betreuerin sei ins Cockpit zitiert und von der Crew aufgefordert worden, ein ärztliches Attest für ihre Schützlinge herbeizuschaffen, berichtet Jörg Conzelmann, der Sprecher der Karlshöhe. Schwarz auf weiß habe der Pilot bestätigt haben wollen, dass die Behinderten flugtüchtig seien. Eine dreiviertel Stunde lang sei diskutiert worden. Der Pilot blieb hartnäckig - ohne Attest kein Start, falls auf die Schnelle kein Arzt aufzutreiben sei, solle die Gruppe eben übernachten. Schließlich mussten die vier Behinderten und ihre Betreuerin das Flugzeug verlassen; ihr Heimflug startete mit 45 Minuten Verspätung - ohne sie.

"Der Kapitän wollte das Attest einsehen, das ist eine normale Prozedur", sagt Isabelle Mossler, die Air-France-Sprecherin. Als die Betreuerin dies nicht vorweisen konnte, habe er "von einem Transport abgesehen". Sie verweist auf "unsere Bestimmungen": Bei der Buchung des Fluges müsse der Passagier Behinderungen angeben. Bei geistig Behinderten sei eine ärztliche Bescheinigung vorgeschrieben, damit die Crew über die Art der Behinderung informiert sei und man dem betreffenden Passagier "das Reisen so angenehm wie möglich gestalten" könne.

Diese Vorschriften scheinen im eigenen Haus allerdings nicht überall bekannt zu sein. Immerhin hatte es auf dem Hinflug keinerlei Schwierigkeiten gegeben. "Wir sind uns bewusst, dass ein Fehler passiert ist", gibt die Sprecherin zu, "und zwar beim Hinflug." Ohne Attest hätte die Karlshöhen-Gruppe schon gar nicht vom Stuttgarter Flughafen abheben dürfen.

Auf der Karlshöhe werden diese Vorschriften freilich nicht als Dienst am Kunden empfunden, sondern als pure Schikane. Was den Karlshöhen-Sprecher besonders ärgert: Vor dem Urlaub habe man beim Reisebüro nachgefragt, ob eine ärztliche Bescheinigung nötig ist. Das sei nicht erforderlich, habe man ihnen geantwortet. Zudem handle es sich bei den Betroffenen nicht um schwerst mehrfach Behinderte. Einer macht in der im Kreis Ludwigsburg bekannten Brenz-Band Musik, ein anderer geht als eingefleischter VfB-Fan immer wieder alleine ins Stadion. "Es ist traurig genug, wenn Menschen nicht neben Behinderten ihren Urlaub verbringen wollen", was in der Vergangenheit schon vorgekommen sei, sagt der Karlshöhen-Sprecher Jörg Conzelmann. Dass nun aber auch schon Verkehrsbetriebe in Streik treten, sorgt in der diakonischen Einrichtung, in der zurzeit etwa 120 geistig behinderte Menschen betreut werden, für Unmut. Die vier Spanien-Urlauber und ihre Betreuerin kamen übrigens am Abend des 12. Juli doch noch in Stuttgart an. Mit der Lufthansa. Immer noch sonnengebräunt. Aber die Ferien waren schon in Barcelona zu Ende.
 
 

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letzte Aktualisierung: 30.7.2003