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Quelle: Süddeutsche Zeitung, 22./23. November, S. 11

Nur 14 Prozent der behinderten Kinder besuchen eine Regelschule
Allen Widerständen zum Trotz

Am Beispiel des zwölfjährigen Anian wird deutlich, dass Integration möglich ist - wenn die Umstände günstig sind.

Von Cathrin Kahlweit

Anian ist ziemlich schwer zu verstehen. Wenn er ankündigt, dass er jetzt den Räuber Hotzenplotz im Fernsehen anschauen geht, dann muss man schon genau zuhören, um aus der Zusammenballung von Lauten einzelne Worte herauszuschälen. Andererseits kann er Flöte spielen, die Melodie ist recht kompliziert, und auch der Rhythmus stimmt. Er kann seinen Namen schreiben; die Schrift schaut ein wenig altmodisch aus, wie von einem älteren Herrn, der sich von Sütterlin auf die moderne Schreibschrift umgestellt hat. Anian kann einfache Rechenaufgaben losen und Fahrrad fahren; von dem kleinen Weiler südlich von München, wo er wohnt, radelt er ohne Begleitung zu seinen Freunden ins nächste Dorf. All das wäre nicht weiter erstaunlich für einen Jungen von zwölf Jahren, würde Anian nicht am Down-Syndrom leiden, das früher Mongolismus genannt wurde.

Erstaunlich ist, dass der blonde Junge eine Hauptschule besucht, in der fünften Klasse ist er derzeit, auch wenn sein Lernniveau eher dem eines Grundschülers in der zweiten Klasse entspricht. Geistig behinderte Kinder auf einer Regelschule, wie hier in Münsing bei Wolfratshausen, sind in diesem Alter eine Ausnahme - nicht nur im Freistaat. In der Regel, sagt die bayerische Behindertenbeauftragte Ina Stein, wechselten behinderte Kinder doch irgendwann auf die Sonderschule, weil die Kraft oder die Unterstützung fehlten.

Lernen vom Zuschauen

2003 ist international zum „Jahr der Behinderten" ausgerufen worden, und nun, da es zu Ende geht, wird allerorten Bilanz gezogen. Das geplante Antidiskriminierungsgesetz, das auch die Gleichbehandlung von Behinderten mit Gesunden befördern sollte, ist nie beschlossen worden, und das schon 2002 erlassene Gleichstellungsgesetz für Behinderte hat, wenn man den Verbanden Glauben schenken möchte, wenig Veränderungen gebracht. Bayern immerhin ist stolz darauf, dass in diesem Frühjahr das Regelwerk für die Integration von behinderten Kindern in Regelschulen gelockert wurde: Seit dem Frühjahr hängt es nicht mehr davon ab, ob ein behindertes Kind die Lernziele der Klasse erreichen kann, wenn es am Unterricht in einer allgemeinbildenden Schule teilnehmen will. Nun kommt es darauf an, ob das Kind fähig ist, „dem Unterricht aktiv zu folgen".

Dass Anian bis heute eine Regelschule besucht, und dass das vorerst auch so bleiben soll, ist allerdings vor allem eine Frage von gutem Willen auf Seiten der Schule - und vom persönlichen wie finanziellen Einsatz auf Seiten der Familie. Vor fünf Jahren nämlich, als Anian von der integrierten Gruppe seines Kindergartens in die Grundschule wechselte, war klar, dass er die für seine Klassenkameraden geltenden Lernziele nicht erreichen würde; man nahm ihn trotzdem auf. Zu danken war das damals dem resoluten Ringen seiner Mutter Annemarie Korntheuer, die „auf keinen Fall wollte, dass Anian aus seinem sozialen Gefüge" herausgerissen wird und in eine Förderschule in München gehen muss. Down-Syndrom-Kinder lernen vom Zuschauen, sagt die Mutter, und sie habe immer gewollt, dass ihr Sohn zwischen gesunden Kindern ohne Angst und ohne Zurückweisung lernt, was er eben lernen kann. „Ich wollte, dass die Kinder ihn kennen, dass sie wissen, wie nett er ist und nicht zurückschrecken, wenn sie ihn auf der Straße sehen." Der inzwischen pensionierte Schuldirektor sah das auch so. die Lehrerin der ersten Klasse wollte den Versuch wagen, die anderen Eltern hatten nichts dagegen, und so wurde das geistig behinderte Kind eingeschult.

Anian bekommt keine Noten, kein reguläres Zeugnis. Drei Stunden lang sitzt im Unterricht ein Zivildienstleistender neben ihm, den der Verein „Gemeinsam leben, gemeinsam lernen" finanziert, drei Stunden kümmert sich eine Münsinger Lehrerin im Rahmen eines speziellen Stundenkontingents um förderbedürftige Kinder wie Anian; Schule und Eltern hoffen, dass dies so bleiben kann. Zusätzlich zahlt die Familie - der Vater ist Zahnarzt - vier Stunden pro Woche einen Lehrer, der selbst ein behindertes Kind hat und Anian beim Lernen hilft. Von der öffentlichen Hand werden zwei Stunden pro Woche finanziert: Eine vom Land bezahlte Förderschullehrerin vom mobilen sonderpädagogischen Dienst betreut Anian während des Unterrichts.

Zwölf Schulstunden pro Woche insgesamt, in allen Hauptfächern, hat Anian also eine zusätzliche Betreuung, ohne die es wahrscheinlich gar nicht ginge - und die andere Schulen und andere Eltern schwer aufbringen können. Integrierte Klassen an Regelschulen, die von einem Lehrer und einem Heilpädagogen gemeinsam unterrichtet werden, leisten sich nur noch die wenigsten Länder. Die bayerische Behindertenbeauftragte Ina Stein zieht daraus das traurige Resümee, dass es angesichts der recht mageren Unterstützung durch den Staat eben leider immer noch so sei, dass Kinder besser gestellter Eltern es mit der Integration leichter hätten.

In ganz Deutschland gehen rund 70 000 behinderte Kinder auf eine Regelschule: das ist immerhin ein Viertel mehr als im Jahr zuvor. Umgekehrt macht das allerdings nur 14 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aus. Parallel steigen auch die Zahlen auf den Sonderschulen; knapp fünf Prozent jedes Schülerjahrgangs in Deutschland besuchen eine Förder- oder Sonderschule. Der „Verband Bildung und Erziehung" (VBE), der zweitgrößte deutsche Lehrer- und Lehrerinnenverband, hat im September auf einem Symposium über Sonderpädagogik festgestellt, dass es besonders oft Schüler aus bildungsfernen Milieus oder Ausländerkinder seien, die „aus allgemeinen Schulen wegdelegiert werden", klagte der VBE-Vorsitzende Ludwig Eckinger.

Anian hat also in vielerlei Hinsicht Glück gehabt. Seine Mitschüler finden nichts Besonderes an ihm, er sei „schon okay", sagt sein ehemaliger Klassenkamerad Niklas. Seine Lehrer fragen sich allerdings bisweilen, ob er nicht in einer Förderschule besser aufgehoben wäre -„nicht, weil wir ihn ungern hier hätten", so Schuldirektor Hubert Zwick, „sondern weil wir manchmal denken, da könnte man mehr für ihn tun".

Zweifler stellen bei aller Begeisterung über die gelungene soziale Integration dieses Down-Syndrom-Kindes in die Dorfgemeinschaft allerdings die umgekehrte Frage: Was ist das für eine schulische Integration, wenn ein behindertes Kind während des Unterrichts in allen Hauptfächern mit seinen Betreuern allem im Nebenraum sitzt, weil die beiden sonst mit ihren Gesprächen den Unterricht stören würden? Müsste die Schule sich nicht gerade darauf einstellen, müsste sie nicht Gruppenarbeit und Teamarbeit anbieten, damit auch einer wie Anian mitmachen kann? Schule und Eltern wollen an diese Frage nicht rühren, denn die Eltern sind dankbar für alles, was möglich ist. Und die Schulleitung verweist nicht zu Unrecht darauf, dass ihr für ein solches pädagogisches Konzept schlicht die Mittel fehlen.

Das Gefühl, eine Last zu sein

Alfred Sander, Pädagogikprofessor in Saarbrücken, hat eine ganze Liste von „Fehlentwicklungen" in der Integrationspolitik aufgezeigt: Er beklagt, dass Kinder in bestimmten Diagnoseverfahren ihre Integrationsfähigkeit beweisen müssen. Dass in vielen Schulen die Lehrer entscheiden dürfen, welche Kinder sie „sich zutrauen". Dass mancherorts Eltern nichtbehinderter Kinder um Erlaubnis gefragt wurden, ob ein behindertes Kind in die Klasse kommen darf. Und dass in vielen Schulen den Eltern von Kindern wie Anian das Gefühl vermittelt wird, sie seien den anderen eine Last. Annemarie Korntheuer kann darüber nicht klagen, „die Leute sind sehr aufgeschlossen", sagt sie. Allerdings mag auch sie nicht weit in die Zukunft denken. "Je früher man damit anfängt, umso eher macht man sich Sorgen", sagt sie. Ob Anian also als Ausnahme-Kind in Münsing einen Hauptschulabschluss für Förderschüler machen kann, weiß bislang keiner so genau; reguläre Hauptschulabschlüsse sind für Förderkinder ohnehin nicht vorgesehen. Und danach? Die Korntheuers wünschen sich, dass Anian nicht in einer beschützenden Werkstätte arbeiten muss, sondern eine Lehrstelle daheim, im Dorf, findet. Zuzutrauen wäre es ihm.

Fotountertext:

Erfreuliche Ausnahme: Anian, der im oberbayerischen Münsing die Hauptschule besucht, wird mit großem Einsatz gleichermaßen von seinen Lehrern wie von der eigenen Familie gefördert. Zwölf Stunden pro Woche bekommt er eine zusätzliche Betreuung, aber den Eltern ging es darum, dass er nicht „aus seinem sozialen Gefüge herausgerissen" werden sollte, auch wenn er mit seinen Klassenkameraden nicht mithalten kann und auch keine Noten bekommt.     Foto: Leiprecht

 

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letzte Aktualisierung: 23.11.2003