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Alopecia Areata - kreisförmiger Haarausfall Home  |  Suchen
Quelle: Leben mit Down-Syndrom, Nr. 43, Mai 2003, S. 16 ff.

Käthe Nötz
Übersetzung: Cora Halder

Schon in der vorigen Ausgabe dieser Zeitschrift brachten wir eine Kurzmeldung über Alopecia Areata, die Zusammenfassung eines Artikels von Käthe Nötz, der in der niederländischen Zeitschrift Down + Up Nr. 61, (Frühjahr 2003) erschienen ist. Da wir bezüglich des kreisförmigen Haarausfalls relativ häufig Anfragen bekommen, möchten wir den vollständigen Artikel hier abdrucken.

Alopecia bedeutet Haarausfall, Alopecia Areata (AA) steht für kreisförmiger Haarausfall. Genau das kann man feststellen bei Menschen, die AA haben. Die scharf begrenzten kahlen Stellen scheinen plötzlich mitten im normalen Haar entstanden zu sein, in der Regel ohne dass Zeichen einer Entzündung, wie Schmerzen, Juckreiz oder Rötung, im Vorfeld darauf hingedeutet hätten. Oft wird der Patient auf die kahlen Stellen durch andere, Familie oder Frisör, aufmerksam gemacht. AA hat es schon immer gegeben und wird schon im Jahre 57 durch Celsus beschrieben. Obwohl vor allem während der letzten Jahre sehr viele wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt worden sind, wissen wir immer noch nicht genau, weshalb jemand plötzlich so eine kahle Stelle bekommt, und genauso wenig, weshalb diese in der Regel spontan wieder verschwindet.

AA wird zu den Autoimmunerkrankungen gerechnet. Das bedeutet, dass bestimmte Mechanismen unseres Abwehrsystems, das uns schützt gegen u.a. Viren und Bakterien, sich fälschlicherweise auf einen bestimmten Teil des eigenen Körpers richten (in diesem Fall gegen die Haarzwiebel) und dadurch gerade Schaden verursachen. Es kommt häufig vor, dass bei einer Person verschiedene Autoimmunkrankheiten festgestellt werden. So kommt AA regelmäßig vor in Kombination mit Vitiligo (weiße Flecken auf der Haut - als Folge von einem Verlust der Pigmentzellen), Schilddrüsenproblemen und einer besonderen Art der Blutarmut.

Bei Personen mit Down-Syndrom werden relativ oft Autoimmunkrankheiten festgestellt. Hashimotos Thyreoiditis (Entzündung der Schilddrüse), Autoimmun-Adrenalitis, perniziöse Anämie (Vitamin-B12-Mangelanämie) und Diabetes mellitus werden in diesem Zusammenhang erwähnt. Auch autoimmun-chronische Hepatitis wird genannt.

In verschiedenen genetischen Studien wird das gehäufte Vorkommen (10 bis 24%) von AA beschrieben. Es ist zwar keine eindeutige vererbbare Erkrankung, aber es ist wahrscheinlich, dass Kinder von Patienten mit AA eine größere Chance haben, ebenfalls AA zu bekommen.
Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass außer genetischen Faktoren gleichzeitig auch andere Faktoren eine Rolle spielen müssen, damit sich tatsächlich eine AA entwickelt.

Früher wurde oft Stress als Faktor genannt, dies allerdings ist bis heute nicht wissenschaftlich bewiesen.

Im Jahr 2000 wurde in einer molekular-biologischen Studie bei 165 Patienten mit Alopecia Areata (ohne Down-Syndrom) und einer Kontrollgruppe von 510 Personen festgestellt, dass eine bestimmte Variation des MX1-Gens zusammenhängt mit dem Entstehen von Alopecia Areata. Und dieses Gen liegt auf Chromosom 21! Um Alopecia Areata zu entwickeln, muss jemand zwei Kopien dieser Genvariation haben. Eine Person mit Down-Syndrom, die drei Chromosomen 21 hat, hat also auch mehr Chancen, zwei Kopien dieses MX1-Gens zu haben. Dies könnte eine mögliche Erklärung sein, weshalb Alopecia Areata häufiger bei Menschen mit Down-Syndrom vorkommt.

Alopecia Areata kann in jedem Alter auftreten. Am häufigsten wird die Diagnose gestellt bei Personen zwischen 10 und 30 Jahren, 60 % der Patienten hat schon vor dem 20. Lebensjahr zum ersten Mal eine kahle Stelle am Kopf. AA kommt genauso häufig vor bei Männern wie bei Frauen und ist auf der ganzen Welt bekannt. Zwei Prozent aller neuen Patienten, die in den USA und in England eine dermatologische Praxis aufsuchen, kommen wegen dieser Erkrankung.

Das charakteristische Bild ist eine scharf begrenzte kreisförmige oder ovale haarlose Stelle am Kopf, wobei die Haut selbst keine Abweichungen zeigt. Am Rande dieser kahlen Stelle kann man manchmal „Ausrufungszeichenhaare" feststellen. Das sind kurze, abgebrochene Haare, die nah an der Kopfhaut dünner sind als an den Spitzen. Augenbrauen, Wimpern oder der Bartbereich können ebenfalls von AA befallen werden.

Der Haarverlust kann langsam voranschreiten, jedoch tritt er oft abrupt auf. Ab und zu klagt der Patient, bevor die kahlen Stellen entstehen, über ein brennendes Gefühl, über Juckreiz oder Schmerzen. An den kahlen Stellen finden sich manchmal noch unpigmentierte Haare (weiße oder graue). Anekdoten über Personen, die über Nacht grau geworden sind, sind wahrscheinlich zurückzuführen auf eine starke Alopecia Areata bei Menschen, die schon viele graue Haare hatten und plötzlich die pigmentierten Haare verloren. Auch die Haare, die wieder neu wachsen, können zunächst weiß oder grau sein und erst später wieder die eigene Haarfarbe zeigen.

Besondere Formen

Diffuse Alopecia Areata und Ophiasis sind besondere Formen von AA. Bei der diffusen Form gibt es keine deutlichen kahlen Stellen, sondern ist die Haardichte am ganzen Kopf gering. Bei Ophiasis geht ein breiter Rand von Haaren entlang der Haargrenze am Hinterkopf verloren. Bei AA geht es also um einen teilweisen Haarverlust. Wenn alle Haare ausfallen und der Kopf total kahl wird, spricht man von Alopecia totalis. Eine andere Form ist die Alopecia universalis, dies beinhaltet der Verlust der gesamten Körperbehaarung.

Aus der Literatur lässt sich nicht genau entnehmen, ob bei Personen mit Down-Syndrom öfter eine dieser Sonderformen von AA auftritt. Wohl scheint es häufiger vorzukommen, dass sich die AA ausbreitet. Bei den Patienten von Carter und Jegasothy (1976) wurde bei 19 von 214 Personen mit Down-Syndrom (fast neun Prozent) die Diagnose AA gestellt. Zwei dieser Personen (zwei Schwestern) hatten eine Alopecia universalis, die anderen hatten zwischen einer und vier kahle Stellen am Kopf, manchmal noch kombiniert mit einem Haarverlust an anderen Stellen.

Vivier und Munro (1975) untersuchten insgesamt 1000 Personen mit Down-Syndrom. Sie stellten dort sechzigmal die Diagnose AA (sechs Prozent). Auffallend ist, dass bei 25 von diesen 60 Personen der zunächst kreisförmige Haarausfall sich zu einer Alopecia totalis oder universalis entwickelte. Dieser Studie zufolge lag bei 42 Personen mit Down-Syndrom schon eine Form der AA mit mehreren kahlen Stellen vor. In der Allgemeinbevölkerung liegt diese Zahl bei weniger als fünf Prozent.

Nägel

Bei 10 bis 66 % der AA-Patienten wurden auch Abweichungen an einem oder mehreren Nägeln festgestellt. Diese variierten von einer rillenförmigen, verdickten oder dünnen Nagelplatte, ein roter statt ein weißer Nagelmond, Dellen oder Verfärbungen bis hin zum Ablösen der Nägel. Die Auffälligkeiten an den Nägeln können zeitlich zusammenfallen mit den Perioden des Haarverlustes. Sie können aber auch vorangehen oder erst auftreten, wenn das Haar schon wieder wächst.

Besonders dann, wenn die Nägelabweichungen nicht zur gleichen Zeit mit AA auftreten, könnte fälschlicherweise die Diagnose Onychomykose (Schimmelnagel) vermutet werden. Die Behandlung von Schimmelnägeln besteht im Einnehmen von Medikamenten über drei bis vier Wochen. Meiner Meinung nach muss, bevor man mit dieser Behandlung anfängt, eindeutig bewiesen werden, dass die Diagnose richtig ist. Dies ist für einen erfahrenen Arzt einfach, er schneidet etwas vom Nagel ab und löst diesen Teil in einer Kalilauge auf. Er kann dann mit Hilfe eines Mikroskops beurteilen, ob tatsächlich Schimmelnägel vorliegen.

Diagnose stellen

Für einen erfahrenen Arzt ist es nicht schwierig, die Diagnose AA zu stellen, und ist es unnötig, weitere Untersuchungen zu machen. Bei seltenen Formen wie die diffuse Art oder eine Kombination mit einer anderen Form von Haarverlust müssen manchmal weitere Untersuchungen gemacht werden, z.B. eine Haarwurzeluntersuchung (Trichogram), Blutuntersuchung oder sogar Hautbiopsie (unter örtlicher Narkose wird ein Stückchen Haut entnommen, der Pathologe kann nun eventuelle Krankheitserscheinungen aller Hautschichten beurteilen).

Prognose

Der Verlauf von AA ist nicht vorhersehbar. Patienten erleben während ihres Lebens mehrere Episoden von Haarverlust und Haarwachstum. Bei den meisten Patienten kommt das Haar innerhalb eines Jahres wieder zurück. Sieben bis zehn Prozent der Personen können die ernsthafte chronische Form entwickeln. Faktoren, die auf eine eher ungünstige Prognose hinweisen, sind: Atopie (eine Veranlagung für atopisches Ekzem), Asthma und Heuschnupfen, das Vorkommen anderer Autoimmunerkrankungen, das Vorkommen in der Familie, wenn die Erkrankung schon in jungem Alter ausbricht, bei Nagelabweichungen und bei einem ausgebreiteten Haarverlust oder bei der Ophiasisform.

Behandlung

Weil die Ursache von AA noch unbekannt ist, gibt es keine Behandlung, die sich auf das Ausschalten der Ursache richtet. Wohl ist es möglich, eine Entzündungsreaktion in der Haut zu beeinflussen, um so eine eventuelle Ausdehnung zu verhindern. „Es ist bis heute noch niemand von AA geheilt", und deshalb muss man genau abwägen, welchen Gewinn man von einer Behandlung hat oder ob nicht das Risiko unangenehmer Nebenwirkungen der Medikamente zu hoch ist. Man soll nicht vergessen, dass unter Umständen der Haarwuchs wieder spontan einsetzen kann, unabhängig von einer Behandlung.

In der Vergangenheit hat man folgende Behandlungsweisen angewandt: einmal in der Form von Cremes oder Lotions, die auf den erkrankten Stellen angebracht wurden oder man gab ein Medikament, das geschluckt werden muss. Zu der ersten Gruppe gehören:

1. Corticosteroide
    Inzwischen weiß man, dass diese Stoffen wenig bis keinen Effekt haben, wenn sie als eine Lotion oder Creme angewendet werden. Sie dringen zu wenig tief ein. Wenn sie allerdings gespritzt werden, können sie ab und zu einen positiven Effekt haben.
2.  Minoxidil Lotion
    Dieses Mittel hat bei 20 bis 45 % der Patienten einen Erfolg, aber nur wenn es in hoher Konzentration angewandt wird.
3. Anthraline
    Dies ist ein Mittel, das früher viel benutzt wurde bei Psoriasis. Bei einer Benutzung von länger als 24 Wochen zeigte sich Erfolg bei ca. 20% der Patienten. Es ist aber die Frage, ob über eine so lange Periode nicht auch eventuell eine spontane Heilung aufgetreten wäre.
4.  Immuntherapie mit Diphencyprone (DPCP).
    Diese Methode ist auch wirksam bei Patienten mit Alopecia totalis, während die vorher beschriebenen Methoden nur beim kreisförmigen Haarausfall einen eventuellen Effekt haben.
Untersucht sind weiter folgende systemische Behandlungen:

1. PUVA-Lichttherapie, wird eingesetzt nachdem der Patient eine Weile Psoraleen genommen hat, ein Mittel, das die Haut sensibilisiert für UVA-Licht. Auch wenn diese Therapie Erfolge zeigt, passiert es regelmäßig, dass der Haarverlust wieder einsetzt, wenn man mit der Therapie aufhört. Außerdem kann die PUVA-Lichttherapie, wenn sie über längere Zeit eingesetzt wird, die Gefahr von Hautkrebs erhöhen!
2. Corticosteroiden als Medikament zum Einnehmen (z.B. Prednison)
3.  Systemische Cyclosporine
Dieses ist wie Prednison ein Mittel, um die allgemeine Abwehr zu unterdrücken und entwickelt für die Transplantationsheilkunde.
Auch bei diesen Medikamenten ist der Wiederkehreffekt groß, wenn man sie absetzt, und eine Einnahme über längere Zeit hat ernsthafte Nebenwirkungen.

Wir danken der niederländischen Stiftung Down Syndroom für die freundliche Genehmigung, diesen Artikel übersetzen und in Leben mit Down-Syndrom veröffentlichen zu dürfen.

Kein Haarausfall mehr
Bei unserer Tochter Veronika, jetzt 20 Jahre alt, begann der kreisrunde Haarausfall schon mit dem dritten Lebensjahr. Erst hatte sie nur eine kreisrunde kahle Stelle am Kopf und im Laufe der Jahre hatte sie dann auch häufig bis zu drei betroffene Stellen fast gleichzeitig.
Unser Kinderarzt konnte uns nicht weiterhelfen, aber die ersten warmen Sonnenstrahlen verursachten dann an den kahlen Stellen auf Veronikas Kopf Jahr für Jahr einen leichten Sonnenbrand, aber kurz darauf begannen ihre Haare dort gleichmäßig und schnell zu wachsen. Während der sonnenreichen Monate hatte sie dann keine Probleme mit Haarausfall!
Veronika selbst hat nicht unter dem Haarausfall gelitten. Mich hat dies schon eher gestört. Mit Beginn der Pubertät (Veronika war zwölf Jahre alt) wurden die Haarausfälle immer weniger und seit ihrem 17. Lebensjahr hatte sie keinen Haarausfall mehr, toi, toi, toi.
Carola Cuypers
 


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letzte Aktualisierung: 8.10.2003