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In der Süddeutschen Zeitung fand sich folgender Artikel über eine neues und schonendes Operationsverfahren von bestimmten Herzfehlern, die auch häufig bei Kindern mit Down-Syndrom vorkommen.

SZ vom 02.08.1996

Diagnose Loch in der Vorkammerscheidewand: Das Zauberwort heißt 'Angel Wings'

'Es ist ein kleines Wunder'

Das neue System wird am Deutschen Herzzentrum erfolgreich eingesetzt - den Patienten bleibt eine Operation erspart

Von Annette Baronikians

Das Trauma einer großen Herzoperation bleibt künftig vielen Patienten - vor allem Kindern - erspart. Die Diagnose 'Loch in der Vorkammerscheidewand' erfordert nicht mehr zwangsläufig einen rund zweistündigen Eingriff mit Hilfe der Herz-Lungenmaschine, eine lange Narbe auf der Brust sowie einen mindestens zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt. Ein neues System mit dem bezeichnenden Namen 'Angel Wings' macht es jetzt möglich, Löcher im Herzen ohne Operation zu verschließen: Es wird lediglich ein dünner Herzkatheter eingeführt, der ein spezielles Doppelschirmchen an der defekten Stelle plaziert. Vier Patienten des Deutschen Herzzentrums München gehören zu den ersten Herzkranken in Deutschland, bei denen die neue Methode jetzt erfolgreich angewandt wurde.

'Mama, lauf! Fang doch endlich den Ball!', ruft der fünfjährige Christoph seiner Mutter Margarete Köhler zu. Beide tollen auf dem Gang herum, auf dem Krankenhausgang der Kinderstation des Deutschen Herzzentrums. Christoph hat rote Bäckchen, lacht fröhlich - und keiner würde denken, dass dem Bub nur zwei Tage zuvor ein Loch im Herzen verschlossen wurde. 'Es ist eine kleines Wunder', sagt Christian Köhler: 'Heute nachmittag geht's schon heim nach Münster' . . . 'und da kommen alle meine Freunde zu einer Party', ergänzt Sohn Christoph, während er genüsslich Fleischpflanzerl mampft.

Der Fünfjährige hatte ein zehn Millimeter großes Loch, eine offene Verbindung zwischen den beiden Vorkammern (Vorhofseptumdefekt). 'Das ist einer der häufigsten Herzfehler bei Kindern', erzählt Professor Konrad Bühlmeyer, Direktor der Kinderklinik am Herzzentrum. Insgesamt hätten in Deutschland rund acht von 1000 Kindern einen angeborenen Herzfehler. Bislang stand einem Grossteil dieser Kinder unweigerlich eine große Operation bevor: Zusammen mit Kollegen aus den USA - wo das neue System 'Angel Wings' entwickelt und Anfang des Jahres zugelassen wurde - konnte Oberarzt Walter Sebening diese Defekte jetzt bei vier deutschen Patienten lediglich mittels Herzkatheter verschließen. Neben drei Kindern gelang es auch, die 47jährige Münchnerin Sophie Springer erfolgreich zu behandeln. Bei ihr wurde der Vorhofseptumdefekt erst nach einem kleinen Schlaganfall entdeckt: Durch den Verschluss des Loches ist die Gefahr von Hirnembolien nun gebannt.

Unter Narkose wird der knapp vier Millimeter starke Katheter über die Leiste in den Körper eingeführt. In ihm steckt an einem Führungsdraht ein speziell gefaltetes Doppelschirmchen ('Angel Wings'), das durch die untere Hohlvene bis zum Herzen vorgeschoben wird. Der Arzt plaziert es an der defekten Stelle unter Ultraschall- und Röntgenkontrolle. Die Abwehrzellen des Körpers sorgen anschließend dafür, dass das Schirmchen mit Bindegewebe festwächst - und das Loch im Herzen somit für immer verschlossen bleibt.

Die Vorteile der Kathetermethode liegen auf der Hand: Die ganze Prozedur (mit Narkose und Aufwachzeit) dauert knapp zwei Stunden, der eigentliche Eingriff nur rund 20 Minuten. Wird der Vorhofseptumdefekt, wie bislang üblich, im Rahmen einer großen Herzoperation mit Hilfe der Herz-Lungenmaschine verschlossen, ist der Patient zwei Stunden im OP. Anstelle eines langen Schnitts durch das Brustbein ist nur eine Punktion in der Leiste nötig, um den Katheter einführen zu können. Aufgrund der wesentlich geringeren Belastung kann der Patient natürlich auch viel früher das Krankenhaus wieder verlassen: Nach drei Tagen, statt nach mindestens zwei Wochen.

'Wir können mit Angel Wings Löcher mit einem Durchmesser bis zu 20 Millimetern komplett schließen', sagt Sebening, Leiter des Herzkatheterlabors: 'Dafür stehen uns zwei verschiedene Größen zur Verfügung.' Mit Hilfe von mittels Katheter eingeführten Schirmchen habe das Team um Professor Bühlmeyer am Deutschen Herzzentrum inzwischen bereits rund 150 erfolgreiche Verschlüsse des Duktus arteriosus - eines Gefäßes zwischen Lungen- und Körperschlagader - am Herzen vorgenommen. Bei Vorhofseptumdefekten sei dieses schonende Verschlussverfahren bislang noch nicht möglich gewesen, weil es bei dieser Art von Herzfehler nur wenig Verankerungsmöglichkeiten für das Schirmchen gibt: 'Ein ausreichender Gewebesaum um den Defekt ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Implantation', so Sebening. Mit 'Angel Wings' sei jetzt 'endlich ein gutes System gefunden'. Dieses ist ein 22 beziehungsweise 30 Millimeter großes, quadratisches weißes Fleckchen Stoff: Es besteht aus dem Netzmaterial Dacron, das von einem faltbaren Draht aus medizinischem Stahl umrahmt ist.

'Wir haben viele Patienten, die schon lange auf das neue System warten, und vor allem viele Eltern, die bereits seit Jahren kommen und uns immer wieder fragen ,Wann ist es endlich soweit?'', erzählt der Kinderkardiologe Manfred Vogt: 'Wir bekommen auch Anfragen aus anderen Bundesländern und wählen die Patienten nach vorgeschriebenen Gesichtspunkten aus.' Allerdings, räumt er ein, 'wird es immer noch einen Teil Patienten geben, bei denen die Herzkathetermethode nicht geeignet ist', denen folglich eine Operation nicht erspart bleibt. Beispielsweise dürfe die Größe des Defektes einen Durchmesser von 20 Millimetern nicht überschreiten. Grundsätzlich gebe es bei derartigen Katheter-Eingriffen stets 'ein chirurgisches stand-by', damit man, 'wenn es problematisch wird', in der selben Narkose gleich weiteroperieren kann. Die Erfolge mit 'Angel Wings' in den USA lassen aber hoffen: Derzeit werden im Deutschen Herzzentrum in der Lothstrasse jährlich rund 450 Patienten mit meist komplexen Herzfehlern operiert; diese Zahl - da sind sich alle einig - wird dank der neuen Schirmchen sinken.

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letzte Aktualisierung: 4.12.2001
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