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Menschen mit Down-Syndrom, Eltern & Freunde e.V.


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Quelle: Leben mit Down-Syndrom Nr. 46, Mai 2004; S. 14 f.

Benjamin als Altenhelfer am BettBenjamin Schaubmar gehört zu der neuen Generation von jungen Menschen mit Down-Syndrom, die einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft gefunden haben. Er ist StationsheIfer in einem Seniorenheim im oberfränkischen Selb und fühlt sich dort rundum wohl.

Als Benjamin vor 19 Jahren mit dem Down-Syndrom geboren wurde, schien seine Zukunft vorgezeichnet. Kinder mit Down-Syndrom bekamen Frühförderung, besuchten anschließend eine SVE (Schulvorbereitende Einrichtung), gingen dann in die Schule für geistig Behinderte und arbeiteten anschließend in einer Werkstatt für Behinderte. Die Strukturen waren alle da, die Einrichtungen nahmen den Eltern die Sorgen ab, sie kümmerten sich "von der Wiege bis zum Grabe". Die meisten Eltern gingen und gehen mit ihrem Kind diesen Weg, nicht jedoch die Familie Schaubmar. Einmal gefiel ihr der Gedanke, ihr Sohn sollte sein ganzes Leben nur mit anderen Menschen mit Behinderung verbringen, überhaupt nicht, andererseits entdeckten sie nach und nach, welche Fähigkeiten in Benjamin schlummerten, und meinten, dass er in einer Schule für geistig Behinderte auf jeden Fall unterfordert wäre.

Schulkampf

So erkämpften sie sich einen Weg in eine Schule für Lernbehinderte. Integration in einer Regelschule war damals ein Privileg für Kinder mit Behinderungen in Berlin oder in Hamburg, in Oberfranken war das völlig unbekannt. Und nicht einmal eine Aufnahme in eine Schule für Lernbehinderte war dort damals selbstverständlich, obwohl Benjamin eindeutig zu den Menschen mit Down-Syndrom gehört, die eher der Gruppe der Lernbehinderten zuzuordnen sind. Die Familie stieß auf sehr viel Widerstand - so etwas hätte es noch nie gegeben!

Die üblichen Argumente wurden vorgebracht, erst einmal ist jemand mit Down-Syndrom geistig behindert und gehört, gemäß diesem Schubladendenken, nicht in diesen Schultyp. Er würde den Lernstoff der L-Schule nie schaffen. Zweitens würde er, weil er ja immer der Schwächere wäre, dauernd von anderen geplagt. Und weil man deutlich sieht, dass Benjamin das Down-Syndrom hat, würden andere Schüler ihn bestimmt hänseln. Ein Selbstwertgefühl könnte er dort erst gar nicht entwickeln, ganz im Gegenteil, er würde nur leiden. Dann wären da noch die Eltern der anderen Schüler, ihnen würde es nicht gefallen, dass "so ein Kind" mit ihren Kindern in eine Klasse ginge, schließlich waren ihre Kinder nicht geistig behindert! Und außerdem würde er viel zu viel Zeit und Aufmerksamkeit der Lehrer beanspruchen, da kämen die anderen Schüler zu kurz.

Als Benjamin dann auch noch bei verschiedenen Tests schlecht abschnitt, verzweifelte die Familie fast. Dass man Kinder mit Down-Syndrom mit den gängigen Tests nicht messen kann, hatte sich damals bei den Schulpsychologen noch nicht herumgesprochen (und ist auch heute leider noch nicht überall bekannt). Nun fing unterstützt von Therapeuten, einem Arzt und den Erzieherinnen aus Benjamins Kindergarten ein zähes Ringen mit der Schule an und ... der Kampf hat sich gelohnt.

Der Kampf hat sich gelohnt

Endlich gab die Schule nach, obwohl zunächst nur eine Probezeit genehmigt wurde. Wir wurden als hartherzige Eltern dargestellt, sagt die Mutter. Wie kann man seinem Kind nur so etwas antun, wurde uns vorgeworfen, aber das brachte uns nicht von unserem Vorhaben ab. Und obwohl einer der Lehrer damals sagte: "Spätestens nach sechs Wochen wird die Mutter schon merken, dass Benjamin nicht dahin gehört", waren wir davon überzeugt, dass es klappen konnte. Und siehe da! Schon nach einigen Monaten war deutlich, dass Benjamin mit dem Lernstoff sehr wohl zurechtkam, dass er nicht unbedingt das Schlusslicht war. Er hatte auch Freunde in seiner Klasse und von Plagen und Hänseleien war nicht die Rede! Insgesamt ist Benjamin zehn Jahre auf die Schule für Lernbehinderte gegangen.

Hauptschulabschluss

Anschließend bekam er die Möglichkeit, in einer Berufsschule weiterzulernen. Das war tatsächlich ein schlimmes Jahr. Denn hier trafen die Prophezeiungen zu, Benjamin wurde auf Grund seiner Behinderung beleidigt und gehänselt. Aber er kann einiges wegstecken und hat durchgehalten. Er wollte den Hauptschulabschluss schaffen. Und den hat er geschafft. Daran hatten eigentlich nur Benjamin und seine Mutter geglaubt. Jetzt als junger Mann mit einem Hauptabschluss hat Benjamin schon etwas bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das Arbeitsamt genehmigte ihm einen individuellen Förderlehrgang über zwei Jahre zur Eingliederung in die Berufswelt. Endlich kann Benjamin so richtig loslegen, er bekam einen Arbeitsplatz als Stationshelfer in einem Seniorenheim in seiner Heimatstadt Selb.

Benjamin ist Stationshelfer

Er teilt das Frühstück aus, wacht darüber, dass die Senioren noch genügend zu trinken haben, und schenkt ihnen Tee und Kaffee nach. Er räumt das Geschirr weg, bringt die Wäsche in den Keller und erledigt kleine Botengänge für die 28 Senioren.

"Benjamin ist bei unseren Senioren sehr beliebt", sagt die Heimleiterin Frau Rotraut Stein-Sommerfeldt. Sie will in ihrem Heim eine Nische finden, wo Benjamin eingesetzt werden kann, damit er auch nach Abschluss der berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme, die vom Arbeitsamt gefördert wird, bleiben kann. "Wir müssen einfache Arbeiten finden, die Benjamin dauerhaft übernehmen kann, zur Entlastung des Pflegepersonals." Zunächst war vorgesehen, dass Benjamin in der Küche mitarbeiten sollte. Das hatte er sich auch so gewünscht. Es hat sich aber herausgestellt, dass bedingt durch feinmotorische Probleme er einfach nicht schnell genug schneiden konnte. Das Arbeitstempo in der Küche war einfach zu hoch.

Banjamin als AlternhelferAber Benjamin kommuniziert sehr gern und hat eine liebevolle, geduldige Art, mit den alten Menschen umzugehen. Also testete man seinen Einsatz auf der Station, das gefiel ihm prima und die Senioren waren von Benjamin begeistert. "Der ist immer freundlich, dem sieht man an, dass er gerne hier arbeitet", sagt eine Bewohnerin. Benjamin macht gern ein Schwätzchen, etwas, das den Bewohnern gut gefällt. Das Personal hat dazu meistens keine Zeit. Benjamin strahlt eine Ruhe aus. Den alten Menschen tut das gut, für sie ist Benjamin eine Bereicherung. "Viele sehen in mir ihren Enkel", sagt Benjamin, "das gefällt mir. Wenn jemand stirbt, bin ich immer sehr traurig, aber sonst bin ich ein fröhlicher Mensch."

Auch das Personal kommt gut mit Benjamin aus. "Er ist freundlich und ordentlich und nimmt uns viele Kleinigkeiten ab. Wir haben ihn alle gern", sagt eine seiner Kolleginnen.

Vieles hat Benjamin noch vor, er möchte sein Keyboardspiel verbessern, das bronzene Schwimmabzeichen machen und Englisch lernen. Aber das Wichtigste für ihn ist, dass er im Anschluss an die Bildungsmaßnahme einen festen Arbeitsplatz im Seniorenheim bekommt. Und das wird dann ganz groß gefeiert, freut sich Benjamin!

Quelle:
Altenpflege 2/2004
Frankenpost, 21. Oktober 2003
 
 

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letzte Aktualisierung: 16.6.2004