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Folter und Euthanasie im NS-Reich: Kinderheim in Österreich Home  |  Suchen

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 11.11.99

Folter und Euthanasie im NS-Reich
 

Nebenwirkung: Kindermord

In Heimen wurden geistig behinderte Jugendliche zu Tode gequält – der österreichische Psychiater Heinrich Gross steht deswegen demnächst in Wien vor Gericht

Von Michael Frank

Wien, 10. Oktober – „Das Schlimmste waren die Speiberln“, sagt der alte Mann. Friedrich Zawrel spricht von seiner Kindheit. Die verbrachte er zu nicht unbeträchtlicher Zeit „im Heim“. Was das für ein „Heim“ war, und was es mit den „Speiberln“ auf sich hatte, wird, so Gott und die österreichische Strafjustiz wollen, zu Beginn des Jahres 2000 in einem Prozess geklärt, der 50 Jahre zu spät kommt. Angeklagt wird ein Arzt sein, der die Logik der „Speiberln“ erst vor kurzem der Wiener Tageszeitung Der Standard so beschrieb: „Das waren Beruhigungsspritzen, die aber gleichzeitig einen Brechreiz hervorgerufen haben.“ Speiberl-Spritzen eben. In dem Heim sind damals viele Kinder an Lungentzündung gestorben, weisen die vergilbten Akten aus. „Das kriegen alle, die Beruhigungsspritzen kriegen“ sagt der Arzt. Nein, man habe die Spritzen nicht wegen der unweigerlich folgenden tödlichen Lungenentzündung gegeben. „Das war eine Begleitwirkung.“

Ort des Horrors

Dass Friedrich Zawrel das „Heim“ überlebt hat, ist also Zufall, denkt man die Logik seines damals „behandelnden“ Arztes Doktor Heinrich Gross konsequent zu Ende. Die „Speiberln“, nach denen sich das Kind Stunden in Brechkrämpfen bei längst entleertem Magen krümmte, wurden weniger zur Beruhigung, denn als Bestrafung verabreicht, so erinnern sich viele Opfer – und, wie man heute als bedrückende Wahrheit erkennt, als Mittel des allmählichen Mordes. Das ganze fand „Am Spiegelgrund“ statt, Heim und Klinik für „geistig abnorme Kinder“ in Wien, die es heute noch gibt als Teil des großen psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe. Der Spiegelgrund war ein Teil der reichsweiten Aktion zur Vernichtung „unwerten Lebens“ der Nationalsozialisten: Menschen, denen man wegen geistiger, seelischer, manchmal auch körperlicher Gebrechen das „Menschsein“ absprach, sollten aus der Welt geschafft werden, getarnt unter dem Deckmantel medizinischer und pflegerischer Fürsorge. Das geschah in Mordkammern und Folteranstalten von selbst im Nationalsozialismus beispielloser Grausamkeit.

Der Spiegelgrund in Wien war so ein Ort des Horrors, in der man eine heute unbekannte Zahl von Kindern gezielt zu Grunde richtete. Und Gross, ein mutmaßlich Hauptbeteiligter an diesen Verbrechen, soll jetzt endlich doch noch zur Rechenschaft gezogen werden, nachdem Justiz, Wissenschaft und öffentliche Meinung ein halbes Jahrhundert von alledem nichts wissen wollten, oder – noch schlimmer – sich über diese Art der „Behandlung“ der „Schwachsinnigen“ nicht wirklich zu empören vermochten.

Der heute 83-jährige Heinrich Gross ist eine Gestalt wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Den einen dröhnt „Doktor Gross“, wie man ihn in Österreich gewöhnlich nennt, wie „Doktor Frankenstein“ in den Ohren, den anderen repräsentiert der Psychiater eine der bemerkenswertesten Wissenschaftskarrieren der Nachkriegszeit. Er war bis 1942 die rechte Hand des Spiegelgrund-Leiters Ernst Illing, den man nach dem Krieg unter dem Druck der Alliierten zum Tode verurteilt hat. 1944 tauchte Gross nochmals nach einer Fronterkrankung am Spiegelgrund auf. 1950 endete eine Anklage wegen eines einzigen Falls von Totschlag erst mit zwei Jahren Haft, im Revisionsprozess mit Freispruch. Mord stand damals nicht zur Debatte: Die gängige Rechtsauffassung war die, dass geistesgestörte Kinder keine eigenes Bewusstsein hätten, somit keine volle Rechtspersönlichkeit, dass die Tötung eines solchen Menschen mangels dessen eigener Urteilsfähigkeit niemals Mord, sondern allenfalls Totschlag bedeute. Heute wird Gross des Mordes in neun Fällen angeklagt. Hunderte Fälle von tatsächlichem Totschlag, die massenhaften Grausamkeiten und Foltergeschichten werden keine Rolle mehr spielen, denn sie gelten als verjährt. Verjährung war das Zauberwort der letzten Jahrzehnte, um derlei Taten ruhen zu lassen. Als 1979 der Wiener Arzt und Menschenrechtsaktivist Werner Vogt Gross der Beteiligung an der Euthanasie bezichtigte, kam eine Beleidigungsklage zurück: Einem ersten Urteil wegen Verleumdung folgte in zweiter Instanz der Freispruch Vogts.

Dann hat es aber nochmals 20 Jahre gedauert. Zunächst mochte niemand so recht ermitteln. Dann wurde angebliche Verhandlungsunfähigkeit bei Gross angeführt. Schließlich versandeten erste Verfahrensversuche, weil sich die Richter, manchmal auch Staatsanwälte serienweise für befangen erklärten: Bis vor zwei Jahrern hatte Dr. Gross in Wien als gefragter Gerichtsgutachter an abertausenden von Verfahren mitgewirkt. Erst jetzt, so bescheinigt der Leiter des Archivs des Österreichischen Widerstandes, Wolfgang Neugebauer, der zuständigen Richterin und den Ermittlern, sei ein unbefangenes Vorgehen der Justiz gesichert.

Gross machte nach dem Krieg eine steile Karriere: Man gründete eigens für ihn ein Boltzmann-Institut für Missbildungen (vergleichbar dem Max-Planck-Institut). Er leitete eine der namhaftesten psychiatrischen Kliniken in Wien. In den Kellern der Baumgartner Höhe lagern bis heute 400 als missgebildet klassifizierte Gehirne – Gross’ Sammlung, die zum Teil auch aus der NS-Zeit stammt. Ihnen widmete man immerhin einen Gedenkraum.

Die überlebenden Opfer erzählen vom Spiegelgrund, in den man nicht nur wegen geistiger Abnormitäten geraten konnte, sondern auch wegen asozialem Verhalten, Vagabundiererei, politischer Unzuverlässigkeit (als Kind wohlgemerkt), rassischer Durchseuchung, Aggressivität, Verwahrlosung. Da gab es den Brauch, die eigenen Exkremente auflecken zu müssen, wenn man die streng reglementierten kollektiven Klogänge nicht abzuwarten vermochte; da gab es die Kaltumschläge-Folter, in denen Kinder, eingepackt in nasses Leinen, im Eiskalten so lange regungslos verschnürt waren, bis das Tuch trocken war – oder das Kind tot.

Sadistisches Personal

Quälerische Punktionen des Rückgrats führten zu grässlichen Kopfschmerzen und Bewusstseinstrübungen. Gezielt gemordet wurde mit Überdosen von Luminal und Schlafmitteln. Und schlicht damit, dass man die Kinder verhungern ließ. Hinzu kam der vom sadistischen Personal geschürte Terror der malträtierten Kindern gegeneinander. Eine Frau schildert, wie sie als kleines Mädchen im Spiegelgrund zur Bettnässerin wurde – eine der schlimmsten Stigmatisierungen, die folgendermaßen „geheilt“ werden sollte: Das Kind stand mit dem benetzten Leintuch über dem Kopf „wie ein Gespenst“ so lange im Freien in der Kälte, bis das Tuch trocken war; gelegentlich band man das Mädchen nackt mit gespreizten Beinen aufs Bett und die ganze geschundene Kinderrotte hatte vorbeizudefilieren und die „Sünderin“ zu bespucken.

Ein Opfer mit dem zufällig selben Familiennamen, Johann Gross, fragt die österreichische Justiz: Was sind 12  000 Gerichtsurteile wert, an denen der Gutachter Dr. Gross mitgewirkt hat? Die Euthanasieprogramm der NS-Zeit, zumal gegen Kinder, erlangten nie Gesetzeskraft. Sie unterlagen also selbst in Hitlers Zwangsstaat weitester Freiwilligkeit der Täter. Ob Gross je moralische Bedenken hatte? „Das kann man nicht haben als Forscher.“ Und was für einen Wert hat für ihn damals das Leben gehabt? „Die haben nicht bewusst gelebt, bitte schön, so nehme ich das an,“ sagt Gross. Gleichsam ein Wissenschaftsirrtum, dass heute nach fast 60 Jahren noch manche Überlebende über ihr „nicht bewusstes“ Leben von damals deutlich Auskunft geben können. Eine Zeugin erzählt noch, nach 1945 habe sich am Spiegelgrund lange nichts Wesentliches im Heimbetrieb geändert.

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letzte Aktualisierung: 8.10.2003
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