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Geächtetes Buch wiederentdeckt und neu aufgelegt Home  |  Suchen
Quelle: Lebenshilfe-Zeitung 1/2006; S.10

Alice Ricciardi-von Platen spricht in Frankfurt über die "Euthanasie" im Dritten Reich

Die Mauer des Schweigens. Der Versuch, die "Euthanasie"-Morde zum Thema zu machen. Weitgehendes Scheitern. Jahrzehnte, die vergehen ... Mit 95 Jahren berichtet die Psychotherapeutin Dr. med. Alice Ricciardi-von Platen, früher von Platen-Hallermund, in einer Veranstaltung des Frankfurter Mabuse-Verlags über die Geschichte ihres neu aufgelegten Buches "Die Tötung Geisteskranker in Deutschland".

Dazu ist die alte Dame aus der Toskana angereist, wo sie seit Jahrzehnten lebt. Ihren Vornamen spricht sie englisch aus - in England hat sie einige Kinderjahre verbracht. Nach ihren Jahren als Ärztin in Deutschland floh sie nach Italien, arbeitete als Landärztin in Österreich, wo sie immer noch Kontakte zur Lebenshilfe in Aussee unterhält, und kam dann zurück in das zerbombte Deutschland.

Als "lebende Legende" stellt Nervenarzt Dr. Helmut Sörgel Frau Ricciardi den rund hundert Interessierten im Frankfurter Ökohaus vor: Sie ist das einzige noch lebende Mitglied der deutschen Beobachterkommission beim Nürnberger Ärzteprozess vor 60 Jahren. "Angesichts des beharrlichen Schweigens unserer Väter und Großväter hat sie den Dialog aufgenommen", so Sörgel.

Anhand von Dokumenten aus dem Nürnberger Prozess und vor allem am Beispiel der hessischen Tötungsanstalten Hadamar, Eichhof und Kalmenhof hat sie in ihrem Buch die Geschichte der als "Euthanasie" beschönigten Vernichtungsaktion dargestellt, der über 100 000 Menschen zum Opfer fielen.

Heute erregt diese Vorstellung Abscheu und Entsetzen. 1948 aber stieß das Buch sowohl bei Vertretern der Ärzteschaft als auch in der Bevölkerung auf Desinteresse, Ablehnung und sogar Boykott: Von den 3000 damals erschienenen Exemplaren haben nur etwa zwanzig in Bibliotheken "überlebt". Es gibt Vermutungen, der größte Teil der Auflage sei von interessierter Seite aufgekauft und vernichtet worden.

Alice Ricciardi-von Platen erläutert: "Später wurde behauptet, es habe sich nur um wenige Sadisten gehandelt, aber das stimmt nicht: Junge NS-Ärzte haben zu Hunderten bei der Vernichtung mitgemacht. Der Prozentsatz der Ärzte in der NSDAP war viel höher als in anderen Berufsgruppen, und es gab besonders wenig Widerstand." Sogar nach Ende des Krieges hätten viele Ärzte die Tötung "Geisteskranker" - damit waren sowohl seelisch wie auch geistig behinderte Menschen gemeint - begreiflich gefunden.

Welche Ideologie stand hinter der "Euthanasie"-Aktion? Gesundheit galt den Nationalsozialisten nicht nur als hohes Gut, sondern auch als Pflicht dem deutschen Volk gegenüber. Krank zu werden oder gar ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, bedeutete ein Unrecht, einen zu tilgenden Makel am deutschen Volkskörper. Um dessen Heilung ging es den Ärzten - nicht um den Menschen. Der Einzelne wurde, falls es dem Ganzen diente, eliminiert.

Ricciardis Buch erinnert nicht nur an die Opfer. Es mahnt auch, aus den Schrecken der Vergangenheit zu lernen. "Wir haben 'Mein Kampf' nicht wirklich gelesen. Wir haben uns zu wenig informiert", bekennt sie und ruft zu größerer Wachsamkeit in heutiger Zeit auf - vor allem gegenüber aktuellen Entwicklungen der Gentechnologie, der Pränataldiagnostik und der Sterbehilfe. Auch heute noch ist es ihr ein Anliegen, behinderten Menschen Respekt zu verschaffen und sie in die Gesellschaft einzubinden.                     

Gertrud Genvo

Das Buch "Die Tötung Geisteskranker in Deutschland", Mabuse-Verlag kostet 17,90 Euro. ISBN 3-935964-86-2
 
 
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letzte Aktualisierung: 20.04.2006