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Quelle: Zeitschrift für Heilpädagogik, Vo. 52, Heft 10, 2001, S. 441f; Stellungnahme des Bundesreferates "Geistigbehindertenpädagogik" des vds

Geistigbehindertenpädagogik

In keiner Schulform der gesamten Bundesrepublik wirkt sich die förderale Struktur so gravierend aus wie in den Schulen für Geistigbehinderte. Der Einsatz und die Ausbildung des Personals genauso wie die jeweilige Stundenbelastung, Bezahlung und Unterrichtsdauer für die Schülerinnen und Schüler variieren so erheblich, dass von einem nur annäherndem gemeinsamen Standard in den Schulen nicht auszugehen ist. Dies hat sich durch den Anschluss der neuen Bundesländer noch verschärft.

Auf den Tagungen der Referenten für Geistigbehinderte gibt es dann immer eine geradezu babylonische Sprachverwirrung, da weder die Berufsbezeichnungen noch die Bezeichnungen für die Schulform geeignet sind, gemeinsame Aussagen zu machen, die für alle Bundesländer verständlich sind.

In Bezug auf den Ausbildungsstandard, Bezahlung und Stundenbelastung des pädagogischen Personals im weitesten Sinne, d.h. Sonderschullehrerinnen, Fachlehrerinnen, Erzieherinnen, Pädagogische Unterrichtshilfen (oder andere mehr), gibt es ein eindeutiges Nord-Süd-Gefälle zu Ungunsten der südlicheren Länder.

Je weiter die betreffenden Bundesländer im Süden liegen (z.B. Bayern und Baden-Württemberg), desto größer ist die Benachteiligung der geistigbehinderten Schülerinnen und Schüler ausgeprägt. Während in nördlichen Bundesländern (z.B. Bremen, Hessen) jede Unterrichtsstunde durch einen Sonderschullehrer gehalten wird, im Team mit zusätzlichem pädagogischem Personal, bekommen geistigbehinderte Schülerinnen und Schüler, je weiter südlich sie wohnen, immer weniger Sonderschullehrerstunden zugestanden. Sie werden vorwiegend von nicht universitär ausgebildetem, weitaus schlechter bezahltem und mit höheren Stundenbelastungen versehenem Personal betreut, nicht unterrichtet. Als Unterricht kann in einer Schule nur die Tätigkeit bezeichnet werden, die durch Lehrer durchgeführt wird, an der Schule für Geistigbehinderte ist das der Sonderschullehrer.

So engagiert dieses andere pädagogische Personal auch arbeiten mag, und dies tut es sicherlich auch, seine Voraussetzungen sind einfach denkbar schlecht. Mehr Stunden mit Schülerinnen und Schülern, weniger Vorbereitungszeit, weniger Geld, weniger Ausbildung sind durch erhöhten Arbeitseinsatz nur bedingt kompensierbar. Wenn dies ginge, müsste dies auch bei Gymnasiallehrern möglich sein.

In Bezug auf die Qualität des Unterrichts in den Schulen für Geistigbehinderte hat dies gravierende Auswirkungen. Während in den Bundesländern, die den Unterricht ihrer geistigbehinderten Schülerinnen und Schüler durch Sonderschullehrer garantieren, das zusätzlich im Team arbeitende Personal in der Regel ein ebenfalls qualifiziertes, nämlich Erzieher und Heilpädagogen sind, und damit mindestens zwei pädagogisch qualifizierte Personen gleichzeitig in einer Klasse arbeiten, sind es im Fall der billigen Systeme neben der überlasteten „Fachlehrerin“ meist ein deutlich weniger oder gar nicht qualifizierter Mitarbeiter, wie Zivildienstleistender oder eine Pflegehelferin. Dies wirkt sich auf die Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts, die Erstellung von Förderplänen und Entwicklungsberichten sowie auf die Intensität von Elternarbeit, Teambesprechungen, Konferenzen u.a. aus.

Hinter dieser Ausstattung der Schulen mit für die Kultusministerien billigeren Arbeitskräften, die in Gefahr stehen, aufgrund ihrer Überlastungssituation bei großem Engagement körperlich und seelisch verschlissen zu werden und dem berühmt-berüchtigten „Burn-out-Syndrom“ zum Opfer zu fallen, steht eine Diskriminierung der geistigbehinderten Schülerinnen und Schüler ebenso wie eine Geringschätzung der Arbeit mit ihnen.

Der Beruf eines Sonderschullehrers an einer Schule für Geistigbehinderte ist ein höchst qualifizierter mit einem enormen wissenschaftlichen Anspruch. Es müsste eigentlich einleuchtend sein, dass, je schwieriger Lernprozesse zu organisieren sind, je besser die Qualifikation des dafür Verantwortlichen sein muss. Gut fundierte Kenntnisse in didaktischen und methodischen Fragen der Unterrichtsgestaltung, Fachwissen im Bereich von Unterrichtsfächern, z.B. für den Schriftspracherwerb und der Entwicklung mathematischer Fähigkeiten, Arbeitslehre, Entwicklungspsychologie und Kinderpsychiatrie, Medizin, kooperative Beratung mit Eltern und im Team lassen sich nur in einer universitären Ausbildung mit anschließendem Referendariat erwerben. Jede andere Form der Zusatzausbildung mag zwar durchaus auch benötigte Grundkenntnisse vermitteln, kann aber nicht denselben Standard haben.

Sonderschullehrer kosten mehr Geld – Geld, das sicher, dies zeigt die Erfahrung in den Bundesländern, die sich eine qualifizierte Schulbildung ihrer geistigbehinderten Schülerinnen und Schüler leisten, gut investiert ist, denn es kann Folgekosten sparen. Eine positive Gesamtentwicklung eines gut geförderten geistigbehinderten jungen Menschen kann Heimeinweisungen verhindern oder es ihm später eher ermöglichen, einen Arbeitsplatz außerhalb der Behindertensysteme zu erhalten oder auch mit geringen Hilfen ein eigenständiges Leben außerhalb von speziellen Wohneinrichtungen zu führen.

Wenn den geistigbehinderten Schülerinnen und Schülern eine solche qualifizierte Schulausbildung durch ihre Kultusbehörden vorenthalten wird, ist dies eine Diskriminierung dieser Schülerschaft, der als einziger geschlossener Gruppe in einzelnen Bundesländern Unterricht durch Sonderschullehrer nur in geringem Maße gewährt wird.

Niemand darf wegen seiner Behinderung diskriminiert werden. Dies soll durch § 3 des Grundgesetzes garantiert werden. Anscheinend ist dies noch nicht allen Kultusministerien unserer Bundesrepublik geläufig.

Besonders entlarvend stellte sich in den vergangenen Schuljahren die Situation z.B. im Saarland dar, als wegen des Lehrermangels an Schulen für Lernhilfe ausgebildete Sonderschullehrer ihre Schulen für Geistigbehinderte meist sogar zwangsweise verlassen mussten, um den Lehrermangel an den Schulen für Lernhilfe zu beheben. Geistigbehinderte Schülerinnen und Schüler brauchen anscheinend keine Sonderschullehrer, der „Schul“betrieb kann anscheinend auch ohne Lehrer weiter laufen.

Unsere Forderung an die Kultusministerien der Länder, die ihre Schulen für Geistigbehinderte in nicht ausreichendem Maße mit Lehrerstunden versorgen, kann daher analog des vom Bundesvorstand verabschiedeten Antrags „Der Unterricht für Schüler und Schülerinnen mit geistiger Behinderung muss, wie der Unterricht in anderen Schulformen auch, durch Sonderschullehrer und -lehrerinnen gewährleistet werden“ nur lauten:

Schluss mit der Diskriminierung geistigbehinderter Schülerinnen und Schüler, sukzessive Aufstockung der Sonderschullehrerstunden bis zur vollständigen Abdeckung des gesamten Unterrichts, Zusammenarbeit im Unterricht im Team von Sonderschullehrern, gemeinsam mit weiterem pädagogisch qualifizierten Personal.

Die Bundesländer, die dies schon seit Jahren und Jahrzehnten praktizieren und ein qualifiziertes, gut funktionierendes System der schulischen Förderung geistigbehinderter Schülerinnen und Schüler unterhalten, können stolz auf ihre Erfolge sein. Für die anderen Bundesländer wird es endlich Zeit, ihre Rückstände im nationalen und internationalen Vergleich aufzuholen.

Andere Themen, mit denen sich die Referententagung des vergangenen Jahres in Waldbärenburg in Sachsen vom September 2000 auseinander gesetzt hat und auf denen der nächsten Jahre weiterhin auseinandersetzen muss, lauten:

  • Bezeichnung der Schulen für Geistigbehinderte
  • Gestaltung des Übergangs in das Berufsleben
  • Schulprogramm und Schulprofil
  • Auswirkung des SGB IX auf die Schulen und die Berufswelt geistigbehinderter Menschen
  • Auswirkungen der Gentechnologie auf Behinderungen und auf die Einstellung gegenüber behinderten Menschen
  • Ist-Analyse des Gemeinsamen Unterrichts und seine Weiterentwicklung in den einzelnen Bundesländern.

  • Das letzte Referententreffen fand vom 13. Bis 15.9.2001 in Münster in Westfalen statt.

    Angelika Thannhäuser


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    letzte Aktualisierung: 26.12.2001
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