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Menschen mit Down-Syndrom, Eltern & Freunde e.V.

Geschwister mit und ohne Behinderung (Kieler Nachrichten) Home  |  Suchen
Quelle war: http://www.kn-online.de/htm/aktuell/sh/c-jaq-Behinderte_ART.htm

"Ich mag meinen Bruder, ich hätte aber gern einen anderen"
Wie behinderte und nicht-behinderte Geschwister zusammenleben

Lübeck - Ausgerechnet im Urlaub musste es passieren. Jede Menge Zeit mit seiner Mama und seinem Bruder Helge (11) wollte Lars (8) verbringen.

Eine Woche auf Rügen mit Meer, Strand und sorgenlosem Lachen. Dann wurde Helge krank. Nicht einfach krank - Helge kämpfte um sein Leben. Er wurde mit dem Down-Syndrom geboren, Mongolismus nannte man das früher. Und er leidet unter Muskelschwund, da kann eine Beinahe-Lungenentzündung wie auf Rügen den Tod bedeuten. Lars zitterte um Helge und merkte einmal mehr, dass sich sein Leben von dem anderer Kinder unterscheidet - weil sein Bruder behindert ist. Heute ist Helge wieder gesund, und Lars deswegen froh. Die beiden lachen für ein Foto mit der Mama. Im Lübecker Stadtteil Brodten ist sowieso alles anders. Ulrike, Lars und Helge Dobiasch haben hier zwölf Tage in einer Ferienanlage der Arbeiterwohlfahrt verbracht. Organisiert vom "Landesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte", der die Dobiaschs und andere Familie mit behinderten Kindern und ihren nicht-behinderten Geschwistern eingeladen hatte - zwölf Tage mit dem sterilen Namen "therapeutischer Lehrgang". Die Familien sollten sich Brodten entspannen und gleichzeitig lernen, wie sie ihr Leben leichter meistern. Ein Thema des Lehrgangs: die Geschwister von behinderten Kindern.

Jungen und Mädchen wie Lars erleben in ihren Familien schwierige Momente. Nicht immer ist es so dramatisch wie auf Rügen. Meistens sind es die Alltagsprobleme, die ihre Kindheit anders machen. Lars muss häufig zurückstecken. Wenn er aufräumen soll, was Helge durcheinander gebracht hat. Wenn seine Familie dauernd Ausflüge auf Schiffen macht, weil Helge das so liebt. Oder wenn die Mama mal wieder keine Zeit hat, weil sie sich um Helge kümmern muss. Behinderte Kinder brauchen halt mehr Pflege - die Geschwister fühlen sich vernachlässigt. "Manchmal ist Lars total sauer", sagt seine Mutter.

"Ein Leben mit behinderten Geschwister prägt die Kindheit", erläutert die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide, die ein Buch zu dem Thema geschrieben hat und in Brodten als Referentin auftrat. Viele Kinder befinden sich in einem Zwiespalt. Marlies Winkelheide zitiert ein achtjähriges Mädchen mit einem behinderten Bruder: "Ich mag meinen Bruder", schreibt das Mädchen. "Aber ich hätte gerne einen anderen." Nicht selten sind die Folgen schwerwiegend: Die nicht-behinderten Geschwister werden aggressiv oder hören auf zu sprechen, weil sie die Situation nicht bewältigen können.

Ulrike Dobiasch versucht, solchen Problemen vorzubeugen. "Manchmal mache ich etwas nur für Lars", erzählt sie. "Er findet es toll, wenn ich mich mal nur mit ihm beschäftige, ihm mal eine Extrawurst zukommen lasse." Marlies Winkelheide hält das für richtig. "Es gibt Phasen, wo die Kinder ihre Eltern ganz für sich haben wollen", sagt sie. "Es geht dabei um das auch mal'." Auch mal das nicht behinderte Kind bevorzugen. Oder vielleicht auch mal dem behinderten Kind etwas verweigern. "Es geht um das Zeichen der Eltern: Ich habe Dich verstanden", sagt Marlies Winkelheide.

Sie empfiehlt außerdem, den Kindern Freiräume zu geben, in denen sie ihre Gedanken frei aussprechen dürfen - ohne Angst vor Ablehnung. "Eine Freundin der Mutter kann eine Ansprechpartner sein. Jemand, der mit der Behinderung nichts zu tun hat", sagt sie. Trotzdem weiß sie: "Man muss den Nicht-Behinderten zumuten, dass sie zurückstecken. Es ist eine Überforderung für alle. Auch für die Eltern."

Jan Kuhlmann
Kieler Nachrichten vom 26.06.2001
 
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letzte Aktualisierung: 8.12.2002