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SZ vom 20.04.2000 Seite Drei
Euthanasie-Opfer: Wie Irma Sperling wenigstens vor dem Vergessen gerettet wurde

Die kleine Schwester
Seit 17 Jahren kämpft eine Frau um die Würde des Kindes, das 1933 aus ihrer Familie verschwand – und für dessen Tod sich keiner verantworten musste / Von Reymer Klüver

Hamburg, im April – Wenn man so will, ist dies eine Dreiecksgeschichte. Eine Geschichte aber, in der Liebe nicht vorkommt, nur Mord und Misshandlung, eine Geschichte von Schuld ohne Sühne. Es ist ein Dreieck, dessen dünne Linien quer durch die Jahrzehnte von Hamburg nach Wien führen und wieder zurück nach Hamburg. Wollte man ihren Verlauf präzisebestimmen, müsste man an den Eckpunkten des Dreiecks ansetzen, bei düsteren Backsteinbauten einer evangelischen Behinderten-Einrichtung an der Alster, der stickigen Gehirnkammer einer Nervenklinik in Wiens 14. Bezirk und einem Gräberfeld am Rande des Ohlsdorfer Friedhofs in Hamburg. Man könnte die Punkte dieses Dreiecks auch mit Personen besetzen, mit lebenden und mit toten. Mit der mutigen Rentnerin Antje Kosemund aus Hamburg, ihrer ermordeten Schwester Irma und mit dem greisen Nazi-Arzt Heinrich Gross, angeklagt in Wien der neunfachen Kindstötung, derer er sich nun, nach mehr als einem halben Jahrhundert, wegen angeblich einsetzenden Altersschwachsinns partout nicht mehr erinnern kann.

Das zweite Auslöschen 

13 Jahre alt wurde diese Irma Sperling. Heute ist in Hamburg eine Straße nach ihr benannt, „Opfer der Euthanasie im 3. Reich“, steht auf einer kleinen Tafel unter dem Straßenschild. Irma war geistig behindert, deshalb wurde sie von medizinischen Helfern der Nazis ermordet. Das alles wüsste heute niemand mehr, wäre nicht diese zierliche, dunkelhaarige Frau, die jetzt auf dem Rand eines weißen Korbsessels unter der Dachschräge ihrer Wohnung sitzt, etwas nervös, immer bereit aufzuspringen, ein Foto, eine Mappe mit Zeitungsausschnitten zu holen, ein Bild im Gedächtnis wachzurufen. Es war allein Antje Kosemund, die ihre Schwester vor dem bewahrt hat, was die Täter von damals ihren Opfern millionenfach und noch Jahrzehnte später angetan haben: sie nach ihrer physischen Vernichtung durch Verschweigen und Vertuschen ein zweites Mal auszulöschen, aus unserer Erinnerung.

Wer Antje Kosemund besucht, muss die ausgetretene Holztreppe eines städtischen Mietshauses emporsteigen. Dunkel ist der Flur an diesem regentrüben Hamburger Apriltag selbst im dritten Stock noch, es ist Mittag, und es riecht nach Essen. Ausgerechnet hier kann man dem begegnen, was man Ironie der Geschichte nennt, was in diesem Fall allerdings mit ausgleichender Gerechtigkeit herzlich wenig zu tun hat. Die ist Antje Kosemund nicht widerfahren, höchstens ein klein bisschen, und dafür hat sie hart kämpfen müssen. Seit 1962 lebt sie in diesem Haus. Der Wohnblock wurde kurz vor dem Krieg gebaut, gedacht für die schneidigen neuen Herrenmenschen: Offiziere und Unteroffiziere des Luftgaukommandos sollten einziehen. Genau hier kam Antje Kosemund später unter, sie, die aus dem antifaschistischen Arbeiterwiderstand stammt. Den Onkel haben die Nazis mit dem Fallbeil zu Tode gebracht, die Tante im KZ gefoltert, den Vater hat die Gestapo abgeholt und schwarz geprügelt, und dann noch die behinderte Schwester – die haben sie „euthanasiert“, man nannte das in der Sprache des NS-Wahns auch „ausgemerzt“.

Vier Jahrzehnte nach dem Mord hat Antje Kosemund das Schicksal ihrer Schwester erforscht. „Irgendjemand musste das machen“, sagt sie. 1983 hatte sie in den Unterlagen des Vaters Irmas Sterbeurkunde gefunden, „Todesursache: Grippe, Lungenentzündung“ mit Todesdatum „8.  Jänner 1944, 17 Uhr 10 Minuten“, ausgestellt „Wien, den 8. Jänner 1945“. Die Mörder haben den Tod penibel administriert. Antje Kosemund, aktiv im Verband der Verfolgten des Naziregimes, VVN, verstand die Einträge wohl zu lesen: Der lange Zeitraum zwischen Sterbedatum und Ausfüllen der Urkunde – er sollte Nachforschungen der Angehörigen erschweren. Die offizielle Todesursache – sie sollte den Mord verschleiern. Schuldgefühle stiegen hoch in ihr, der Schwester des Opfers. Schuldgefühle, dass sie sich all die Jahrzehnte keine Gedanken gemacht hatte, oder besser: ihre dunklen Ahnungen hinter die Lasten des Alltags verdrängt hatte.

Man merkt Antje Kosemund an, dass ihr der selbst auferlegte Zwang zur Erinnerung Kraft abverlangt. Die Frau ist 71. Nur gelegentlich raucht sie, aber jetzt, da sie von der Spurensuche nach der toten Schwester erzählt, zündet sie sich binnen kurzem drei Zigaretten an. Am Ende ist die Asche im Aschenbecher zu feinem Puder zerstoben, so oft hat sie die Filterstummel wie in einen Mörser hineingestoßen. Wie groß muss in ihr der Druck der Erinnerung lasten, der sich einer der Täter nicht mehr stellen mag?

Wenig ist Antje Kosemund geblieben, sie war ja noch ein Kind, als sie ihre Schwester abgeholt haben. Ein Bild aber hat sich ihrem Gedächtnis eingebrannt. Die 15 Monate jüngere Schwester sitzt in ihrem Gitterbettchen und schlägt die Arme vergnügt im Takt, als die anderen sangen. „Die Gedanken sind frei“, ja, das weiß sie genau, das war verboten. Neun Kinder waren sie in der Drei-Zimmer-Wohnung im Arbeiterbezirk Barmbek, und Irma gehörte dazu. Dann erinnert sie sich noch an Weihnachten 1933, das war wunderbar, weil die Genossen der verfolgten Familie eine schöne Bescherung machten. Für jedes Kind gab es eine Orange und Schokolade. Nur Irma fehlte. Warum, wurde Antje Kosemund erst später bewusst: Die Eltern hatten sich dem Druck der Familienfürsorge gebeugt, die Irma am 21.  Dezember 1933 in die Alsterdorfer Anstalten einwies.

Ein halbes Jahrhundert danach, fast ein Menschenleben später, begann Antje Kosemund, Fragen zu stellen. Sie, die Schalterbeamtin im mittleren Dienst der Post. Bei den Alsterdorfer Anstalten, der heutigen Evangelischen Stiftung Alsterdorf, wurde sie vorstellig, lernte 1983 Michael Wunder kennen, einen Psychologen, der in eben jener Zeit gegen große Widerstände in der riesigen Behindertenanstalt die Komplizenschaft von Ärzten und Pfarrern mit den Nazis ans Licht brachte. Sogar ein „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ war diese evangelische Stiftung gewesen. Antje Kosemund erfuhr, dass Irma zusammen mit 227 Frauen und Mädchen im August 1943 in einen der berüchtigten grauen Busse der „Gemeinnützigen Krankentransport-Gesellschaft“ mit ihren verhangenen Fenstern gesetzt wurde. Die Fahrt ging nach Wien in die „Heil- und Pflegeanstalt“ auf der Baumgartner Höhe. In den sicheren Tod. Das wusste jeder, selbst die nach der völkischen Ideologie lebensunwerten Behinderten, wie Michael Wunder sagt. Noch nach Jahrzehnten hat er bei überlebenden Anstaltsbewohnern Erinnerungsfetzen der Angst vor den grauen Gefährten gefunden. Nur die ärztlichen und geistlichen Täter wollten nichts gewusst haben.

Ende am Spiegelgrund 

Antje Kosemund schrieb nach Wien. Nach langem Warten kam ein Brief mit wenigen Krankenblättern zurück. Irma muss schwer gehungert haben, nach acht Wochen wog sie statt 40 nur noch 28 Kilogramm, sie kam mit 13 anderen Hamburger Kindern in die berüchtigte „Kinderfachabteilung Am Spiegelgrund“, Pavillon 15. Die Kindermordstation. Ein Vierteljahr später hat keines der Kinder mehr gelebt. In dieser Zeit war auch ein gewisser Heinrich Gross dort als Arzt tätig. Aber das sollte Antje Kosemund erst später erfahren, viel später. Ein Grab für Irma? Nein, das gebe es nicht mehr, hatte ihr schon 1983, leicht irritiert, Professor Eberhard Gabriel geschrieben. Bis heute ist er Direktor des nun nach der Adresse schlicht „Baumgartner Höhe“ genannten psychiatrischen Spitals in Wien. Ein Schachtgrab auf dem Zentralfriedhof habe existiert. Das sei aber nach 20 Jahren eingeebnet worden. Ein Schachtgrab ist ein Massengrab. Ein Massengrab für Opfer des Nationalsozialismus. Man hat es nach der regulären Liegezeit einfach aufgelassen. So war das in Wien.

Sie glaube nicht, dass es Zufall war, sagt Antje Kosemund. Warum hat sie ausgerechnet in den Weihnachtsferien 1994 bei ihrer Tochter in Tirol Fernsehen geschaut, als über die Absicht des Krankenhauses Baumgartner Höhe berichtet wurde, aus einer Präparatesammlung mit den konservierten Gehirnen von Euthanasie-Opfern einen Gedenkraum zu machen. Das Hirn der kleinen Schwester als Schauobjekt ohne Würde, in einem großen Einweckglas schwimmend? Kein Wort hatte man ihr aus Wien mitgeteilt, dass es möglicherweise sterbliche Überreste Irmas bei der Anstalt geben könnte.

Wieder schrieb Antje Kosemund nach Wien, wieder bekam sie lieblose Antworten, immerhin die Bestätigung, dass das Gehirnpräparat ihrer Schwester in der Sammlung war. Sie ließ nicht locker, schaltete die Präsidentenkanzlei ein, den damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky schrieb sie persönlich an und erreichte, dass schließlich zehn Präparate von Hamburger Opfern identifiziert, eingeäschert und im Frühjahr 1996 nach Hamburg überführt wurden, darunter das ihrer Schwester.

Mehr als ein Jahr hatte das alles gedauert. Auch, weil nun gegen den Mediziner Heinrich Gross, einen der Wiener Euthanasieärzte, erstmals wegen Mordes ermittelt wurde und die Präparate auf Überdosierung von Medikamenten untersucht wurden – die man auch feststellen konnte. Gross war nach damaligem Erkenntnisstand in der fraglichen Zeit allerdings nicht am Spiegelgrund. Angeblich arbeitete er nur im August 1944 während seines Urlaubs von der Wehrmacht dort, der Prozess gegen ihn bezieht sich deshalb nur auf neun Kindstötungen ausschließlich in jenem Monat. Gross hat in der Nachkriegszeit Karriere gemacht, war in eben dieser Anstalt „Primarius“ geworden, wie es in Österreich heißt, Chefarzt, erhielt das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Mit den Gehirnen der ermordeten Kinder hat er weiter experimentiert. Für zwölf wissenschaftliche Publikationen verwendete er, ohne die Herkunft zu erwähnen, Gehirnschnitte von Euthanasie-Opfern – von Menschen, an deren Tod er möglicherweise beteiligt war.

Noch vor drei Jahren fand er nichts dabei: „Das waren Gehirne wie andere auch“, sagte er dem Wiener Nachrichtenmagazin profil, das sich sehr um die Aufklärung seines Falles bemüht. Vor ein paar Wochen saß Gross in Wien auf der Anklagebank, doch wurde der Prozess gleich vertagt. Ein Gutachter hatte ihm einsetzende Demenz bescheinigt, woran inzwischen das Gericht aber zu zweifeln beginnt, weil der Alte kregel genug war, nach der Verhandlung ein Interview zu geben – ohne Ausfallserscheinungen.

Antje Kosemund möchte den Greis nicht sehen. „Wenn man das liest, kann einem schlecht werden“, sagt sie, „bis heute will der doch nicht wissen, was er getan hat.“ Und dann fügt sie, wie zur eigenen Beruhigung hinzu, na, sie höre ja, dass er schon sehr isoliert sei, nicht mehr zur Wiener Gesellschaft gehöre wie früher. Sie habe sich immer davor gehütet, bitter zu werden. Aber wie oft hätten Täter „ein gutes Leben gehabt, viel Geld und Anerkennung“ – eben wie Heinrich Gross. „Und was ist mit den Opfern? Als unwertes Leben hat man die irgendwo verscharrt in Massengräbern.“ Oder in Gehirnschnitte zerkleinert und ins Präparationsglas gesteckt. Das spricht sie nicht aus, will es nicht, kann es nicht, aber gedacht hat sie es. Denn sie springt wieder aus ihrem Sessel auf, um ein Foto von der Wand zu holen, aber wohl auch, um die innere Aufruhr zu bändigen.

Auf dem Foto sind Alexander zu sehen, ihr Kinderschwarm, und sie selbst, fünf Jahre war sie da alt. Dann zeigt sie die einzige Aufnahme, die von Irma geblieben ist. Zufällig – aber wer glaubt noch daran – hat sie das Foto in den Alsterdorfer Anstalten entdeckt. Ein spielendes Mädchen vor einer Sandkiste, ein fröhliches Kind, fünf, sechs Jahre alt vielleicht. „Die Ähnlichkeit ist so groß“, sagt sie und hält beide Bilder nebeneinander. Und wieder spricht sie nicht aus, was sie denkt. Es ist auch so klar: Was wäre, wenn alles anders gekommen wäre. Dieses Kind wäre jetzt eine Frau von 70 Jahren. Welche Fähigkeiten hätte dieser Mensch entwickeln können, wäre er gefördert worden. Irma hätte ein Leben gehabt. „Das sind sehr bedrückende Gedanken“, sagt Michael Wunder, der Alsterdorfer Psychologe, der Antje Kosemund inzwischen zu einem Freund geworden ist. „Klar zu sehen, dass die Schwester sterben musste, weil sie ein klein bisschen anders war, auffälliger.“

Vor zwei Jahren, erzählt Antje Kosemund, war sie das erste Mal am Spiegelgrund in Wien, stand vor Pavillon 15, dem Endpunkt im Leben der Schwester. Es war das Todeshaus, in das alle aussortierten Kinder verlegt wurden. Geheult und geheult und geheult habe sie, sagt sie, „wenn man zu viel Phantasie hat, ist das nicht gut“. Eine Ärztin habe sie zu beruhigen versucht, erzählt Antje Kosemund. Drinnen sei doch jetzt alles umgebaut, sagte die Frau, und außerdem seien jetzt alte Leute dort. Als könne das ein Trost sein für Antje Kosemund.

Der Arzt, der leugnet 

Bleibt der Ohlsdorfer Friedhof. Der letzte Punkt der Dreiecksgeschichte, scheinbar der letzte Punkt. Kapelle 13, dann immer geradeaus und die Wegkehre links. Eine schlichte graue Granitplatte ist in den Rasen eingelassen. Zehn Namen stehen auf dem Grabstein, der dritte von unten: Irma Sperling. Hier ruht die Asche dessen, was Ärzte wie Heinrich Gross als Einziges interessant fanden an diesem Menschen und deshalb aufbewahrten – das Gehirn.

Die Geschichte ist nicht zu Ende. Noch nicht. Es führt eine neue Linie zurück nach Wien. Am 3.  April meldet profil, dass Heinrich Gross nun ein weiterer Aufenthalt in der Tötungsanstalt am Spiegelgrund nachzuweisen ist: Mindestens zwei Wochen im Oktober und November 1943 war er dort – obwohl er das stets bestritten hat. Der junge Historiker Peter Schwarz hat den Nachweis über die Ausgabe von Essensmarken an Gross dort gefunden, einen unscheinbaren DIN-A-5-Zettel aus den Akten der ärztlichen Direktion des Spitals. „Es ist unvorstellbar, dass in Zeiten der Kriegsrationierung das Haupternährungsamt Wien die Marken einfach irgendwohin schickt“, sagt der Doktorand, „es bedeutet eindeutig, dass Gross am Spiegelgrund anwesend war.“ Dann wäre er tatsächlich dabei gewesen, als sie Irma Sperling zu Tode hungerten, das Kind mit dem Schlafmittel Luminal voll pumpten, bis es ruhig war und sich nicht mehr wehrte, als sie mitten im Winter die Fenster aufrissen und die Betten abdeckten. „Todesursache Grippe, Lungenentzündung.“

Noch ein Nachtrag: Vor gut einer Woche war Antje Kosemund wieder in Wien, mit einem Fernsehteam, das ihre Spurensuche nachzeichnen will. Nein, den Euthanasie-Arzt Gross wollte sie nicht sehen, um nichts in der Welt. Aber ein Gespräch mit Professor Gabriel hatte das Team verabredet, dem heutigen Leiter des Spitals, in dem Irma starb. Doch im Vorzimmer wurde Antje Kosemund abgewiesen. Der Professor sei leider nicht zu sprechen, wurde sie beschieden. Sie hörte seine Stimme. Er telefonierte. Wollte nichts hören von Antje Kosemund und dem kleinen Mädchen, das einmal ihre Schwester war.

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letzte Aktualisierung: 20.4.2000
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