Kinder
Integrativer Kindergarten e.V.

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Europa- und bundesweit, inzwischen auch in Bayern und seinen Bezirken wird Schritt für Schritt ein "Kindergarten für Alle" umzusetzen versucht. Es findet eine allmähliche Auseinandersetzung mit "Gemeinsamer Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung"  im wohnortnahen Kindergarten statt. Vereinzelt gilt es inzwischen bereits als besonderes Qualitätsmerkmal eines Kindergartens, Kinder mit Behinderung  aufzunehmen (vgl.  z.B. Kinderbetreuungsnetzwerk der Europäischen Kommission: "Die Frage nach der Qualität in Kinderbetreuungseinrichtungen, 1992).

Auch in Unterfranken wurden mit dem Beschluss des Bezirks vom 7.7.1998 finanzielle Mittel (i.S.d. § 39 BSHG) zur Verfügung gestellt, die die Aufnahme einzelner behinderter oder von Behinderung bedrohter Kinder in Regelkindergärten ermöglichen sollen.

Diese richtungsweisenden, modernen sozialpolitischen Schritte beschreiben den Beginn einer gemeinsamen Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder in Regelkindergärten.

Inzwischen liegen eine Reihe von Erfahrungen aus der Praxis vor und es wird eine Standortbestimmung erforderlich.

Der Verein "Integrativer Kindergarten e.V." (Würzburg) hat deshalb eine interdisziplinäre Gruppe kompetenter Fachleute und Eltern konstituiert, die zur Umsetzung von Einzelintegration im Regel-Kindergarten ein fachübergreifendes Integrations-Konzept erarbeitet hat. Beteiligte Fachleute waren:

Unsere Gedanken wurden zusätzlich intensiv und konstruktiv diskutiert mit VertreterInnen der Regierung von Unterfranken (wir danken: Herrn Karl Frey, Lt. Regierungsschuldirektor für Förderschulen in Unterfranken, Frau Wolters-Erauw, Regierungsfachberaterin für Kindergartenwesen), mit weiteren SchulvertreterInnen (wir danken: Herrn Hartmut Lüft, Schulamtsdirektor Main-Spessart; Herrn Dipl.-Päd. Harald Ebert, Konrektor der Leo-Weismantel-Schule - Sonderpädagogisches Förderzentrum Main-Spessart), mit einzelnen Vertreterinnen von Kindergarten-Fachdiensten (wir danken: Frau Dipl.-Psych. Christiane Leclaire, Fachberatung für Evang. Tageseinrichtungen für Kinder), mit VertreterInnen des Bezirks Unterfranken bzw. Bezirksrätinnen (wir danken: Frau Dr. Christina Burger, Bezirksrätin; Frau Dipl.-Soz.-Päd. Wolny-Rausch), sowie mit verschiedenen Trägern von Kindergärten in Unterfranken.

Da mehrfach bzgl. unseres Konzeptes kritisch angemerkt wurde, dass wir uns unzulässig "einmischen" würden (Einmischung in die pädagogische Hoheit des Kindergartens, des Trägers, der Fachdienste, des Kindergartengesetzes, etc.), möchten wir an dieser Stelle betonen: Diese Kritik  ist ganz und gar berechtigt! Wir sehen es eigentlich keineswegs als Aufgabe einer privaten Initiative von Fachleuten, ein pädagogisches Konzept mit Rahmenbedingungen für Integration im Kindergarten zu erstellen. Notgedrungen jedoch versuchen wir mit unserem Konzept, eine Lücke zu schliessen und die originär dafür verantwortlichen Institutionen anzuregen (Kindergarten-Fachdienste, politisch verantwortliche Institutionen inklusive der unterstützenden wissenschaftlichen Institute, finanzierende Stellen, etc.), ihre eigenen "Hausaufgaben" zu erledigen. Wir wollen damit ausdrücken, dass es ein untragbarer Zustand ist, wenn von Bezirk zu Bezirk unterschiedliche Finanzierungsmodelle für Integration im Regelkindergarten festgelegt werden, ohne dass eng damit verzahnt einheitliche pädagogische und qualitätssichernde Rahmenbedingungen von den dafür zuständigen Institutionen erarbeitet und vorgegeben werden!

Was ist zu verbessern?

Wir anerkennen und loben uneingeschränkt die bei den politischen Entscheidungsträgern vorherrschende grundsätzliche Überzeugung, dass der wohnortnahe Regelkindergarten ein "Kindergarten für alle Kinder" sein soll. Dies ist jedoch nur eine dringend notwendige, aber keineswegs hinreichende Voraussetzung für gelingende Integration!

Elementar-Pädagogik
Die Frage der Integration von einzelnen Kindern mit Behinderung in die wohnortnahen Kindergärten wird in Unterfranken und Bayern bisher viel zu stark unter finanziellen Aspekten, jedoch viel zu wenig unter pädagogischen Aspekten betrachtet: Welche Auswirkungen hat die Mitaufnahme von Kindern mit Behinderung auf  die tägliche Kindergartenarbeit, auf die Konzeption, auf die Gruppengröße, auf die Elternarbeit, auf das pädagogische Personal, auf Ausbildungsordnungen? Wie kann gewährleistet werden, dass Kinder mit Behinderung im Kindergarten eine geeignete Entwicklungsumgebung vorfinden und erhalten? Welche Maßnahmen der Qualitätssicherung sind zu implementieren?

Für Kindergartenarbeit mit Kindern mit Behinderung fehlen (vgl. z.B. die 4. Durchführungsvorschrift des BayKiG) klare, orientierende Rahmenbedingungen  - insbesondere pädagogische -, die bei der Umsetzung eines "Kindergartens für alle Kinder" helfen.

Integrations-Fachdienst
Kindergärten, die eine gemeinsame Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung anbieten, sind in ganz besonderem Maße auf professionelle fachliche Unterstützung angewiesen: Bei pädagogischen Fragen, bei behinderungsspezifischen Fragen, bei Fragen des gemeinsamen Arbeitens von Kindergarten-Team zusammen mit sonder- und heilpädagogischem, medizinischem und weiterem Fachpersonal (die ja überwiegend direkt im Kindergarten mitarbeiten), bei Fragen der Elternarbeit (hier besonders auch dem für Kindergärten neuen Arbeitsfeld: Eltern von Kind mit Behinderung), bei spezifischen Konflikt-Situationen, die sich in Zusammenhang mit der Mitaufnahme von Kindern mit Behinderung ergeben können.
Leider haben sich die bisher bestehenden Kindergarten-Fachdienste diese Aufgabe der professionellen Unterstützung integrativer Kindergartenarbeit kaum zu eigen gemacht bzw. machen können.

Viele engagierte Erzieherinnen und Eltern von Kindern mit Behinderung im Regel-Kindergarten haben diesen Mangel an professioneller Rückendeckung beklagt und als ein entscheidendes Hindernis für die Umsetzung von Integration im Regel-Kindergarten erkannt. Ebenso haben MitarbeiterInnen von Fachstellen w.z.B. den Frühförderstellen immer wieder darauf hingewiesen, dass ohne einen auch für integrations- und behinderungsspezifische Fragen professionell arbeitenden Kindergarten-Fachdienst oftmals für Kinder mit Behinderung keine Empfehlung für den Regel-Kindergarten ausgesprochen werden kann, sondern die Unterbringung in einen "Sonderkindergarten" (Schulvorbereitende Einrichtung) empfohlen wird. Allein in Würzburg sind z.B. für das Kindergartenjahr 2000/2001 ca. 15 Kinder mehr für Schulvorbereitende Einrichtungen angemeldet, als Plätze verfügbar sind und das, obwohl jeder Regelkindergarten Unterfrankens Kinder mit Behinderung aufnehmen könnte!

Andere Bundesländer in Deutschland (z.B. Bremen) oder in benachbarten Staaten (z.B. Niederösterreich), die Integration im Kindergarten schon seit Jahren umgesetzt haben, haben als entscheidende Voraussetzung für das Gelingen integrativer Arbeit einen professionellen (integrativen) Fachdienst erkannt und implementiert. Bremen ist inzwischen soweit, dass der integrative Kindergartenfachdienst jetzt wieder mit dem "Regel"-Kindergartenfachdienst verschmilzt.

Das Positionspapier der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder e.V. (1999, S. 34) zur Diskussion der gemeinsamen Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung kommt zum Fazit:

Nur wenn Integration durch Fortbildung, Fachberatung und Supervision begleitet wird, kann sie langfristig von allen Beteiligten als erfolgreich erlebt werden.


In Bayern und den Bezirken wurde diese Einrichtung eines Integrativen Kindergartenfachdienstes - sei es als eigene Institution oder ergänzend angegliedert an bestehende professionelle Institutionen wie Frühförderstellen oder schulvorbereitende Einrichtungen - nicht ausreichend diskutiert geschweige denn umgesetzt. Einzelne interessante Modelle in Richtung des Aufbaus eines Fachdienstes (wie beispielsweise zwischen Frühförderstelle sowie Schulvorbereitenden Einrichtungen Main-Spessart; vgl. Konzeption dazu von Dipl.-Päd. Harald Ebert) wurden bisher kaum wahrgenommen und in keiner Weise auf eine flächendeckende Umsetzbarkeit hin geprüft.

Hemmend hinzu kommt die inzwischen selbst für Fachleute undurchsichtige Kompetenzenverteilung für Fragen der Einzelintegration (Sozialministerium, Kultusministerium, Bezirk, örtliche Träger, etc.).
 

Warum ein fachübergreifendes Integrations-Konzept?

Mit dem hier vorgelegten Konzept werden klare Rahmenbedingungen für die Integration einzelner Kinder mit Behinderung in einen Regelkindergarten vorgeschlagen. Ebenso werden die Arbeitsfelder und Anforderungen eines integrativen Fachdienstes dargelegt.

Diese Rahmenbedingungen sollen Regelkindergärten, Eltern und Fachdiensten bereits vor Aufnahme eines Kindes mit Behinderung als Entscheidungshilfe dienen. Darüber hinaus bieten diese Rahmenbedingungen wesentliche Grundlagen für ein effektives miteinander Arbeiten von Kindergartenteam, Kindern, Fachdienst, externem Förderpersonal und Eltern. Sie gewährleisten somit eine verlässliche, kontinuierliche integrative Kindergartenzeit.

Außerdem ist die aktuelle Neugestaltung der Förderrichtlinien für Kindergärten und Horte in Bayern mit zu berücksichtigen: Da bis zum Jahre 2010 in Bayern infolge der demographischen Entwicklung die benötigten Kindergartenplätze um ca. ein Drittel zurückgehen werden, und Kindergärten zukünftig einer markt- und qualitätsorientierten Steuerung unterliegen werden - das bedeutet eine spezifische finanzielle Förderung pro Kind mit zusätzlichem Gewichtungsfaktor für Behinderung! - werden viele Kindergärten sich allein deswegen mit der Frage der Aufnahme von Kindern mit Behinderung beschäftigen: Denn die Aufnahme eines Kindes mit Behinderung wird dem Kindergarten mehr finanzielle Mittel bringen. Wenn dieses Mehr an finanziellen Mitteln jedoch nicht parallel mit fundierter qualitätsgesicherter Erziehungsarbeit einhergeht, besteht große Gefahr, dass Kinder mit Behinderung zu "Lückenbüßern" zweckentfremdet werden könnten.  An fachlich unqualifizierter, kostengünstiger Unterbringung von Kindern mit Behinderung im Regelkindergarten primär zur Aufstockung der finanziellen Ressourcen eines Kindergartens dürfte wohl niemandem in Bayern gelegen sein. Nur definierte und somit überprüfbare Rahmenbedingungen für Integration können eine derartige Mißbrauchsmöglichkeit verhindern. Dies haben die dem bayerischen Sozialministerium bekannten negativen Erfahrungen der Umstellung der Krankenkassen von Pauschalfinanzierung im Gesundheitswesen auf Fallpauschalen/Sonderentgelte zu Genüge belegt.

Die vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit veröffentlichten Vorschläge für die Neugestaltung effizienter Finanzierungsmöglichkeiten für Kindergarten- und Hortbereich verlangen deshalb auch zu Recht eine "lokale Qualitätskommission", die insbesondere Kriterien für Sonderförderungen - z.B. von Kindern mit Behinderung - festlegen und zumindest rudimentär kontrollieren soll. Unsere integrativen Rahmenbedingungen bieten lokalen Qualitätskommissionen praktikable Qualitätskriterien, die sich bei Bedarf auch einfach kontrollieren lassen.

Der Rückgang der  Kinderzahl im Kindergartenbereich gerade in Kombination mit der Aufnahme von Kindern mit Behinderung sollte darüber hinaus als Chance verstanden werden, eine Neugestaltung des Kindergartens in Hinblick auf eine Reduzierung der Kinderzahl in einer Gruppe zu verwirklichen.

Auch die bisher vorliegenden Zahlen einzelner integrierter Kinder mit Behinderung im Regelkindergarten belegen, dass klare integrative Rahmenbedingungen dringend notwendig sind, um Unsicherheiten bei Eltern und Erzieherinnen und allen weiteren Beteiligten wie den sog. externen Förderkräften abzubauen: Von den beispielsweise ca. 49.000 unterfränkischen Kindergarten-Kindern wurde nur für 34 Kinder Eingliederungshilfe für den Regelkindergarten  gewährt (Stand: Juni 1999).

Warum Integration im Kindergarten?
Ausgehend vom Grundsatz der Gleichwertigkeit und Würde aller Menschen ist Integration eine ethische Verpflichtung und eine kulturelle wie auch soziale Notwendigkeit. 1994 wurde deshalb das Grundgesetz im Artikel 3, Abs. 3 ergänzt: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden".

Integrative Erziehung ist darüber hinaus wesentliche Basis der Entwicklung sozialer Fähigkeiten aller Kinder, insbesondere eine wichtige Maßnahme zur dringend notwendigen Gewaltprävention im Kindergarten- und Schulbereich: Eine Reihe von Studien belegt, dass die Aufnahme von Kindern mit Behinderung einhergeht mit einem signifikanten Rückgang von Gewalt und Aggression in diesen integrierenden Einrichtungen. In Fachkreisen ist außerdem bekannt, dass die Auseinandersetzung mit Aggression und der Umgang damit am effektivsten in kleineren Gruppen mit starken sozialen Bezügen zu bewerkstelligen ist.

Wenn im vorliegenden Konzept von Integration gesprochen wird, wird darunter die Teilhabe und Teilnahme von Kindern mit und ohne Behinderung am gesellschaftlichen Leben verstanden.

Frau Ina Stein, die Behindertenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung - hat anläßlich des Welttages der Menschen mit Behinderung am 3.12.1999 bezugnehmend auf das seit 1994 in Bayern für Behindertenpolitik geltende Normalisierungsprinzip (Dritter Bayerischer Behindertenplan) gemeint:

Integration bezieht sich auf alle Lebensbereiche, und zwar von Anfang an, vom Kindergarten zur Schule bis zum Arbeitsplatz. Das Miteinander von Behinderten und nicht Behinderten muss als normal erlebt werden. Moderne Behindertenpolitik müsse daher einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Selbstbestimmung und Selbstständigkeit von Menschen mit Behinderung in ihrer alltäglichen Lebensbewältigung noch mehr als bisher zu fördern. Normalisierung und Integration dürfen keine leeren Phrasen bleiben.
Dem wohnortnahen Kindergarten als erster Erziehungs- und Bildungsinstitution kommt hierbei eine zentrale Schlüsselrolle zu. Integrative Erziehung ist der Versuch, So-Sein und Anders-Sein miteinander in Beziehung zu bringen. Es geht dabei nicht um die Integrationsfähigkeit einzelner Kinder, sondern um die Integrationsfähigkeit der Einrichtungen im Elementarbereich.

Es ist an der Zeit, die Trennung der Lebensrealitäten von behinderten und nichtbehinderten Menschen aufzulösen und damit die gegenseitige Isolation aufzuheben, denn: "Es gibt keine Norm für das Menschsein. Es ist normal, verschieden zu sein" (Richard v. Weizsäcker, 1.7.1993, Bonn).
 

Dorothea Gollwitzer, Jacqueline Erk, Gabi Amend-Tiedemann, Barbara Reich-Scholz, Wolfgang Trosbach
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letzte Aktualisierung: 16.03.2006
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