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Stirbt Bub mit Down-Syndrom, weil Eltern Schulmedizin ablehnten? Home  |  Suchen
Süddeutsche Zeitung, 19.7.2003, Bayern

„Gesundbeten“ statt Arztbesuch
Herzkranker Bub stirbt, weil Eltern Schulmedizin ablehnten


Friedberg – Nach dem plötzlichen Tod eines behinderten Kindes im schwäbischen Landkreis Aichach-Friedberg sind dessen Eltern verhaftet worden. Der sechsjährige Bub, der mit einem Down-Syndrom zur Welt gekommen war und auf einem Bauernhof lebte, starb offenbar, weil ihm seine Eltern trotz eines Herzfehlers über Jahre hinweg ärztliche Hilfe vorenthalten haben. Wie die Kripo in Augsburg herausfand, war er zeitlebens nur zweimal in medizinischer Behandlung gewesen: bei seiner Geburt und später, als er geimpft wurde. Die Polizei geht Hinweisen
nach, ob religiöse Gründe für die Ablehnung der Schulmedizin eine Rolle spielten. Eine „Art religiöser Verblendung“ will die Staatsanwaltschaft bei den Eheleuten, beide sind streng katholisch, nicht ausschließen. Wie die SZ erfuhr, war die 49-jährige Mutter regelmäßig in den Raum Regensburg gefahren, wo sie gemeinsam mit einem Priester versuchte, ihr Kind durch „Gesundbeten“ zu heilen.

Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass der Sechsjährige seit einer Woche nichts mehr gegessen hatte. Zudem litt er nach Aussage seiner Mutter zuletzt an Durchfall. „Wenn ein Arzt hinzugezogen worden wäre, hätte der Tod vermutlich verhindert werden können“, sagte Staatsanwalt Christoph Wiesner. Die Anklagebehörde wirft dem 50-jährigen Landwirt und seiner Frau Totschlag durch unterlassene Hilfeleistung, schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen und Vernachlässigung der Fürsorge- und Erziehungspflicht vor. Dem Eindruck, seine Mandanten seien
„Kinderquäler“, widersprach ihr Anwalt Gerhard Decker. Das Gegenteil sei der Fall, glaubt Decker nach zahlreichen Anrufen von Dorfbewohnern.
Diese hätten dem Anwalt mitgeteilt, dass die Eltern ihren behinderten Buben abgöttisch geliebt und gehätschelt haben. Auch sei er keineswegs blöd gewesen, nur in seiner Entwicklung etwas zurückgeblieben. Weil er noch keine ganzen Sätze sprechen konnte, hatte seine Mutter kürzlich das Gesundheitsamt Aichach gebeten, seine Einschulung um ein Jahr zu verschieben. Warum der untersuchenden Ärztin dort sein schlechter Gesundheitszustand nicht aufgefallen war, ist noch unklar.

Bei der Polizei mag man nicht ausschließen, dass der Grund für das Verhalten der Eltern in der Tiefe ihrer Psyche liegt. Möglicherweise hätten der Landwirt und seine Frau, die bereits zwei erwachsene Kinder haben, die Behinderung ihres Kindes einfach verdrängt, heißt es. Dies zu klären, ist Aufgabe von Gutachtern.

Peter Richter




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letzte Aktualisierung: 19.7.2003
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