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Menschen mit Down-Syndrom, Eltern & Freunde e.V.


Orthopädische Probleme bei Down-Syndrom
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Quelle: Leben mit Down-Syndrom, Nr. 44, Sept. 2003,  S. 18f.

Len Leshin
Übersetzung: Susanne Roßbach

Erkrankungen des Bewegungsapparates bei Menschen mit Down-Syndrom sind nicht selten. In diesem Bericht gibt der Autor eine Übersicht über die verschiedenen Probleme, die auftreten können, aber nicht müssen.

Fast alle Erkrankungen der Knochen und Gelenke bei Menschen mit Down-Syndrom haben ihre Ursache in einem abnormalen Kollagen, das sich bei Menschen mit Down-Syndrom findet. Kollagen ist das wichtigste Protein, das Bänder, Sehnen, Knorpel, Knochen und Hautstrukturen bildet. Einer dieser Kollagen-Typen (Typ VI) wird durch ein Gen codiert, das auf dem 21. Chromosom gefunden wurde. Die Auswirkung bei Menschen mit Down-Syndrom ist die erhöhte Schlaffheit der Bänder, die die Knochen untereinander sowie Muskel und Knochen verbinden. Die Kombination dieser Bänderschlaffheit und des geringen Muskeltonus bei Menschen mit Down-Syndrom trägt zu ihren orthopädischen Problemen bei.
Diese Komplikationen treten bei Menschen mit Down-Syndrom häufiger auf als bei der übrigen Bevölkerung. Aber es ist wichtig zu betonen, dass die Mehrzahl der Menschen mit Down-Syndrom keine der hier beschriebenen Erkrankungen hat.

Wirbelsäule

Die häufigste Komplikation im Bereich der Wirbelsäule ist eine atlanto-axiale Instabilität, das ist eine Instabilität zwischen dem ersten und dem zweiten Halswirbel. (Mehr zu diesem Thema steht in einem gesonderten Artikel auf der Webseite von Len Leshin.)

Eine andere Komplikation im Bereich der Wirbelsäule bei Menschen mit Down-Syndrom ist die Skoliose. Das ist eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule. Dies scheint bei Menschen mit Down-Syndrom häufiger vorzukommen als bei der allgemeinen Bevölkerung, aber die genaue Häufigkeit ist nicht bekannt. Zu der Zeit, als fast alle Kinder mit Down-Syndrom in Einrichtungen untergebracht waren, wurde bei etwa der Hälfte von ihnen bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter eine Skoliose festgestellt. Die Behandlung der Skoliose ist die gleiche wie bei anderen Kindern. Begonnen wird mit einer Korsettbehandlung, später kann eine Operation notwendig sein.

Hüfte

Fünf bis acht Prozent der Kinder mit Down-Syndrom entwickeln Erkrankungen der Hüftgelenke. Das häufigste Problem ist eine Subluxation des Hüftgelenkes. Dabei verschiebt sich der Hüftknochen in der Gelenkpfanne. Diese Verschiebung kann mit einer Verformung der Gelenkpfanne zusammenhängen. Für die Entstehung dieser Verschiebung wird die bei Down-Syndrom beobachtete Bänderschwäche in Kombination mit dem niedrigen Muskeltonus verantwortlich gemacht. Interessanterweise ist die Subluxation der Hüfte bei Kindern mit Down-Syndrom fast nie angeboren, sondern entwickelt sich meistens zwischen dem dritten und dem 13. Lebensjahr. Ein Anzeichen dafür ist das Humpeln. Schmerzen müssen dabei nicht unbedingt auftreten. Zur Therapie wird zunächst ein Ruhigstellen des Hüftgelenks mit einer Gipsbehandlung durchgeführt. Jedoch muss bei vielen Kindern mit Down-Syndrom später eine Operation vorgenommen werden.

Ein anderes Hüftproblem ist die Legg-Calve-Perthe-Krankheit (LCP). Dabei wird der Kopf des Oberschenkelknochens nicht ausreichend mit Blut versorgt. In der Folge wird der Knochen schwach und missgestaltet. LCP kommt bei Kindern mit Down-Syndrom etwas häufiger vor als bei der übrigen Bevölkerung. Anzeichen dafür sind ein Hinken, das jedoch keine Schmerzen verursacht, und eine Bewegungseinschränkung der betroffenen Hüfte. Die Diagnose erfolgt durch Röntgen. Weniger ausgeprägte und früh erkannte Fälle können mit einer Kombination aus Bettruhe, orthopädischen Hilfen und Schienen behandelt werden. Bei schwereren Fällen ist eine operative Korrektur notwendig.

Eine weitere Erkrankung des Hüftgelenkes ist die Epiphysiolysis capitis femoris. Sie wird bei Menschen mit Down-Syndrom nicht so häufig festgestellt. Dabei handelt es sich um eine Verschiebung zwischen Schenkelkopf und -hals. Diese Erkrankung wird mit Übergewicht und einer Unterfunktion der Schilddrüse in Zusammenhang gebracht, die bei Teenagern mit Down-Syndrom häufig auftauchen. Symptom ist ein Hinken, das mit Schmerzen in der Hüfte oder im Knie einhergeht. (Hüfterkrankungen verursachen oft Schmerzen im Knie anstatt Schmerzen in der Hüfte.) Die Therapie erfolgt operativ mit Schenkelhalsnägeln oder Schrauben im Oberschenkelknochen.

Knie

Etwa 20 Prozent aller Menschen mit Down-Syndrom weisen eine Instabilität der Kniescheibe (Patellainstabilität) auf. In den meisten Fällen kann die Kniescheibe weiter nach außen bewegt werden als normal (Subluxation). In einigen Fällen jedoch kann die Kniescheibe vollkommen aus ihrer Position bewegt werden (Dislokation) und einige Patienten haben Probleme, sie dann wieder in die richtige Position zu bekommen. Eine milde Subluxation der Kniescheibe ist nicht schmerzhaft, aber die Dislokation kann schmerzhaft sein. Menschen mit Patellainstabilität können laufen, aber häufig ist die Beweglichkeit des Knies eingeschränkt. Damit verbunden ist eine Veränderung der Gangart. Je länger eine Behandlung ausbleibt, umso schlimmer wird der Zustand im Laufe der Zeit. In milden Fällen kann eine Bandagierung des Kniegelenkes helfen, in schwereren Fällen ist eine operative Korrektur notwendig.

Fuß

Viele Menschen mit Down-Syndrom haben Plattfüße (Pes planus). Bei weniger ausgeprägten Fällen ist die Ferse in einer neutralen Position. In schweren Fällen ist die Ferse gedreht, sodass die Patienten auf der Innenseite der Ferse laufen. Bei Plattfüßen entstehen häufig Schwielen, die vorderen Teile der Füße zeigen häufig auseinander, es kann sich auch ein Knochensporn entwickeln. In vielen Fällen helfen korrigierende Schuhe oder Einlagen. Schwere Fälle müssen jedoch operativ korrigiert werden.

Eine andere Auffälligkeit wird Metatarsus primus varus genannt und tritt ebenfalls häufig auf. Dabei biegt sich der vordere Teil des Fußes, gleich nach der Großzehe, nach innen. Das führt zu einer offensichtlichen Deformation des Fußes, deshalb wird es schwierig, passendes Schuhwerk zu finden. Nach einiger Zeit kann sich eine schmerzhafte Entzündung des Fußballens an der Stelle einstellen, wo der Fuß sich am meisten biegt. Weniger schwere Fälle können mit Einlagen oder orthopädischen Schuhen behandelt werden. Bei schwereren Fällen ist eine korrigierende Operation notwendig.

Arthritis oder Arthropathie

Arthritis bezeichnet eine Gelenkentzündung, die das Gelenk anschwellen lässt und Schmerz verursacht.

Arthropathie bezeichnet eine nichtentzündliche Erkrankung eines Gelenkes, die verschiedene Ursachen haben kann. Es gibt sicher eine größere Häufigkeit von Gelenkproblemen bei Menschen mit Down-Syndrom, aber ob es auch einen Anstieg der Häufigkeit bei Autoimmun-Arthritis gibt (z.B. juvenile chronische Arthritis, JRA), wird unter Medizinern noch diskutiert. Mehrere Mediziner empfehlen, dieses Krankheitsbild „Arthropathie des Down-Syndroms" zu nennen, weil die Diagnose der juvenilen rheumatoiden Arthritis eine Diagnose des Ausschlusses ist. Das bedeutet, nur wenn man sicher ist, dass keine andere Krankheitsursache die Arthritis verursacht, wird die Diagnose JRA gestellt. Forscher diagnostizieren jedoch auch JRA bei Kindern und Teenagern mit Down-Syndrom, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Die Behandlung der Arthritis bei Menschen mit Down-Syndrom ist die gleiche wie bei Menschen ohne Down-Syndrom.

Wenn die Gelenkschmerzen keine entzündliche Ursache haben, ist der nahe liegende Grund bei Menschen mit Down-Syndrom die Überbeweglichkeit der Gelenke. Andere Ursachen können auch eine Schuppenflechte oder Gicht sein.

Knochen

Eine kleine Zahl von Studien weist darauf hin, dass die Knochendichte bei Erwachsenen mit Down-Syndrom geringer ist als bei der übrigen Bevölkerung. Das bedeutet ein erhöhtes Risiko, als Erwachsener an Osteoporose zu erkranken, besonders in der Wirbelsäule. Es ist noch nicht bekannt, ob eine zusätzliche Einnahme von Kalzium bei Menschen mit Down-Syndrom die Knochendichte verbessert. Die Knochendichte von Kindern mit Down-Syndrom wurde noch nicht erforscht. Dennoch gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Kinder mit Down-Syndrom häufiger Knochenbrüche haben. Ebenso gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass die Knochen von Kindern und Erwachsenen mit Down-Syndrom schlechter heilen.

Quelle:
Homepage von Len Leshin: www.ds-health.com
Wir danken Len Leshin für die freundliche Genehmigung, diesen Artikel übersetzen und veröffentlichen zu dürfen.
 


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letzte Aktualisierung: 14.10.2003