Logo_klein
Menschen mit Down-Syndrom, Eltern & Freunde e.V.

Rezension der MAZ: Paula Fox: "Paul ohne Jacob"  Home  |  Suchen
Märkische Allgemeine Zeitung(MAZ) 8.12.2001

EINE MEISTERHAFT ERZÄHLTE GESCHICHTE ÜBER EINEN KLEINEN JUNGEN UND SEINEN GEISTIG BEHINDERTEN BRUDER
Paula Fox: "Paul ohne Jacob"

Plötzlich ist Paul überflüssig
Jutta Burmeister

Als sein kleiner Bruder geboren wird, gerät für Paul die Welt aus den Fugen. Denn Jacob ist nicht wie andere Geschwister: Er hat das Down Syndrom. Zunächst bemerkt Paul gar nichts davon. Jacob scheint einfach nur ein Baby zu sein. Doch die Reaktionen seiner Eltern überraschen den Fünfjährigen: Warum sehen sie Jacob oft so traurig und verzweifelt an? Warum sprechen sie mit ihm wie mit einem Kranken? Und weshalb nehmen sie alles so wichtig, was Jacob tut, jeden Laut, jede Bewegung, jede Geste? Paul ist zu klein, um zu verstehen, was das bedeutet: Down Syndrom. Und seine Eltern machen sich nicht die Mühe, es ihm zu erklären. Zu sehr sind sie mit ihrem jüngsten Kind beschäftigt, manchmal auch überfordert. Immer häufiger überlassen sie den älteren Sohn sich selbst.

„Paul war schon bei der Geburt ein perfektes Baby“, hört er seine Mutter einmal sagen, „er wird keine Probleme haben im Leben“. Doch Paul ist weitaus sensibler als die Eltern annehmen. Jeden Tag zieht er sich mehr von seiner Familie zurück, spricht nur noch das Allernotwendigste. Die Fürsorge der Eltern dagegen beschränkt sich darauf, Paul das Mittagessen hinzustellen.

Schließlich fordert Jacob die ganze Aufmerksamkeit seiner Eltern. Weint er, so laufen sie zu ihm und trösten ihn mit allen Mitteln. Lacht er, so lachen sie mit ihm. Alle ihre Gedanken drehen sich um Jacob.

Jeden Tag wird Paul einsamer. Er fängt an, Jacob zu hassen. Schafft er es, einen Tag lang nicht an Jacob zu denken, fragt er sich. Es gelingt. Von da an streicht er den kleinen Bruder aus seinem Leben. Weder in der Schule noch seinen Freunden erzählt er von ihm. Als er im Englisch-Unterricht seine Biografie schreiben soll, kommt Jacob darin nicht vor. Jacob dagegen liebt seinen großen Bruder. Wenn Paul zur Schule geht, steht er am Fenster und winkt ihm stundenlang hinterher. Wenn Paul zu Hause ist, weicht er nicht von der Seite des großen Bruders.

Sieben Jahre lang geht dies so. Dann endlich begreifen die Eltern, was passiert ist und beschließen, die Brüder einander näher zu bringen. Paul soll Jacob jeden Samstag zum Arzt begleiten. Paul ist entsetzt: Jeder in der Stadt wird ihn mit Jacob sehen. Am ersten Samstag rennt Paul voran, Jacob kann ihm kaum folgen. In wenigen Minuten sind beide beim Arzt angekommen. Ein Erfolg. Niemand hat sie zusammen gesehen.

Doch am folgenden Samstag läuft Jacob nicht einfach hinter Paul her. Statt dessen geht er in die Geschäfte, lacht mit den Angestellten, bekommt hier eine Süßigkeit und dort ein Comic-Heft geschenkt. Paul ist verwirrt: Warum sind die Leute so freundlich zu Jacob? Einige scheinen ihn gar zu lieben, anstatt, wie Paul erwartet hatte, über ihn zu lachen. Zum zweiten Mal gerät Pauls Welt durcheinander. Offenbar ist er der Einzige, der Jacob ablehnt, ihn lächerlich und dumm findet. Paul beginnt Jacob heimlich zu beobachten. Langsam, ganz langsam, wird der kleine Bruder endlich doch noch ein Teil seines Lebens.

Meisterhaft erzählt Paula Fox von der Beziehung zu einem geistig behinderten Kind. Fox, eine der besten amerikanischen Kinder- und Jugendbuch-Autorinnen der Gegenwart, beschreibt, wie einsam und verzweifelt Paul ist und wie bockig und aggressiv er sich manchmal verhält. Ihre Perspektive ist die des fünfjährigen Jungen. „Paul ohne Jacob“ erzählt mit einfachen, schnörkellosen Sätzen Pauls Verlassenheit.
Zugleich klagt das Buch die Eltern an, die sich – hilflos und überfordert – nur auf ihren behinderten Sohn konzentrieren und darauf hoffen, dass der Ältere sich irgendwann mit der Situation abfinden wird. Dass dies schief gehen muss, zeigt Paula Fox.
Ob ein Happy-End wie im Buch auch im wirklichen Leben funktionieren würde, darf bezweifelt werden. Ein Buch, das für Kinder ab zehn, aber auch für alle Eltern mit mehreren Kindern äußerst lesenswert ist.

Paula Fox: Paul ohne Jacob. Sauerländer, 112 Seiten, 22,95 Mark.


Home  |  Suchen
letzte Aktualisierung:11.12.2001
© 1999-2001 Menschen mit DS, Eltern & Freunde e.V.