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Schadenersatz wegen Trisomie 21: Süddeutsche Zeitung Home  |  Suchen
Süddeutsche Zeitung, Freitag, 30.11.2001

Der Schaden, geboren zu sein
Ein hohes Gericht in Frankreich hat erneut entschieden, dass ein behindertes Kind das Recht gehabt hätte, nicht zur Welt zu kommen

Von Gerd Kröncke

Paris – Kann es denn sein, dass geboren zu sein ein Schaden ist, zurückzuführen auf eine schadenersatzpflichtige Fahrlässigkeit? Für Behinderte, so hat ein Pariser Obergericht, der Cour de cassation entschieden, gibt es gewissermaßen ein einklagbares Recht darauf, gar nicht erst geboren zu werden. Ein Junge namens Lionel war mit Down-Syndrom zur Welt gekommen, und seine Mutter hatte den Arzt verklagt, der sie seinerzeit untersucht hatte. Er hatte Anomalien übersehen, die auf eine schwere Behinderung des noch nicht Geborenen hindeuteten, und versäumt, die Mutter zu warnen.

Lionels Mutter aber, so trägt sie vor, hätte, wenn sie hätte wählen können, ihr Kind abtreiben lassen. Inzwischen ist Lionel sechs Jahre alt, aber dass er geboren wurde, so entschied das Pariser Gericht nun in letzter Instanz, sei „ein Schaden“. Dafür muss der Arzt bezahlen.

Es ist nicht die erste Entscheidung in diese Richtung, schon voriges Jahr in dem notorisch gewordenen „Fall Perruche“ hatten Richter festgestellt, dass es in bestimmten Fällen ein Recht gibt, nicht geboren zu werden. Diesmal gehen die Richter weiter und beantworten die Frage, wie weit sich die Eltern an dem „Schaden“ beteiligen müssen eindeutig: Sie haben Anspruch auf 100- prozentigen Schadenersatz. Die vorige Instanz hatte der Mutter, einer Lehrerin, 100000 Euro zugesprochen, das war ihr zu wenig. Das Kind lebt derzeit bei der Oma in Brest.

Im Pariser Justizpalast und auf den Stufen des Gerichts hatten sich an die 200 Eltern und Großeltern mit behinderten Kindern versammelt. Die Erwachsenen reagierten verbittert auf das Urteil und ließen ihre Kinder Schilder hochhalten: „Mein Leben hat keinen Preis.“ Sie wolle, sagte eine Mutter, die aus Lille angereist war, aller Welt zeigen, welche Freude ihr Siebenjähriger am Leben habe. Man könne doch das Dasein nicht in „Leben und Un- Leben“ unterteilen. (Die schreckliche Wendung vom „lebensunwerten Leben“ hat bislang keinen Eingang in den Sprachgebrauch gefunden.) Und Xavier Mirabel, Sprecher eines „Kollektivs gegen Behindertenfeindlichkeit“ sagte, es wäre unerträglich, „wenn die Gesellschaft unsere Kinder so betrachtet wie dieses Gericht“.

Der Spruch von Paris hat im Land heftige Reaktionen ausgelöst. Ärzte, Politiker und Kirchenmänner zeigen sich entsetzt. Eine „große Traurigkeit“ empfand André Vingt-Trois, der Bischof von Tours, weil man manchen Menschen sagte, es wäre besser, wenn sie nicht lebten. Und zufällig fand in Montpellier gerade ein Ärzte-Kongress über ethisch-medizinische Fragen statt. Didier Sicard, Präsident des nationalen Ethik-Komitees, bedauerte, „wie die Konsumgesellschaft mit Behinderung umgeht: Das Kind ist ein Produkt geworden, das zerstört werden kann, wenn es nicht den Wünschen der Eltern entspricht.“ Dabei betonen alle, dass niemand Lionels Eltern direkte Vorwürfe macht. Die Mutter möchte, angesichts lebenslanger Kosten, nur die besten Bedingungen für ihr Kind schaffen.

Ärzte, so steht zu befürchten, werden künftig öfter als bislang zur Abtreibung raten – vorsorglich, um Schadenersatz-forderungen abzuwenden. Schon jetzt, so heißt es bei einer auf Mediziner spezialisierten Versicherung, seien die Prä-mien für bestimmte Ärzte verzehnfacht worden. „Wir sind nicht sicher, ob wir bestimmte Spezialisten künftig überhaupt noch versichern können. “
 


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letzte Aktualisierung: 1.12.2001
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