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Schulische Integration an Regelgrundschule in Coburg Home  |  Suchen
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 10.4.2002

Bayerns einzige „Kooperationsklasse“ Integration mit der Wäscheklammer
An einer Grundschule in Coburg sitzen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam im Unterricht

Von Marten Rolff
Coburg - Energisch läutet Stephan schon zum zweiten Mal eine der aus Blumentöpfen selbst gebastelten Glocken, die über jedem Gruppentisch im Klassenzimmer hängen. Ein mit den Kindern verabredetes Zeichen für mehr Ruhe bei den Aufgaben in der Freiarbeitsphase. Karin Treml unterdrückt ein Grinsen. „Es reicht jetzt, Stephan“, sagt die Klassenlehrerin. „Alle sind doch völlig ruhig. Wenn ich rumgehe und erkläre, zählt das nicht.“ Gemeinsam mit ihrer Kollegin Karin Sladky hat Treml in der ersten Stunde nach den Osterferien die Aufgaben für den Wochenplan vorgestellt. Ein Novum, an das sich die Schüler erst gewöhnen müssen. Denn die Freiarbeit, in der sie wochenweise bestimmte Aufgaben in selbst gewählter Abfolge erledigen, wurde auf zwei Stunden täglich erhöht. Sie ist für die Klasse 1b/c an der Heimatring- Grundschule in Coburg besonders wichtig. Der lernzieldifferente Unterricht hat hier oberste Priorität.
Die 1b/c ist die einzige „integrative Kooperationsklasse“ in Bayern. Gebildet aus den 18 Schülern der Regelschulklasse 1b und den sieben geistig oder körperbehinderten Kindern der 1c von der Förderschule Mauritius in der Nachbargemeinde Ahorn. Betreut wird die Klasse von einer Grund- und einer Sonderschulpädagogin sowie von einer Praktikantin und einer Pflegekraft. Zwar gibt es im Freistaat auch andere Kooperationsmodelle, doch einzig bei dem im vergangenen September gestarteten Coburger Schulversuch werden alle 25 Kinder stets gemeinsam unterrichtet.
Um den individuellen Bedürfnissen der Schüler gerecht zu werden und die „enorme Leistungsschere“ zu berücksichtigen, bedarf es eines klaren Konzeptes und „vieler Absprachen zwischen den Lehrerinnen“. Auf zwei freundliche Räume verteilt erledigen die Kinder so unterschiedliche Aufgaben wie das Zusammenbasteln eines Papiergebisses, Schreiben oder Rechnen. Jana, eine Schülerin mit Down-Syndrom, übt derweil mit der Praktikantin das Zuordnen von Farben anhand eines Holzpuzzles. Benötigt ein Kind Hilfe, ruft es nicht, sondern steckt eine mit dem Namen versehene Wäscheklammer an ein rotes Pappschild neben der Tafel. Der Reihe nach werden die Anfragen beantwortet. Wer mit den Pflichtaufgaben fertig ist, kann vorbereitete Zusatzaufgaben lösen. Oder den Mitschülern helfen wie Jakob. Er unterstützt soeben seine Tischnachbarn bei der Suche nach Worten mit Umlauten.
Spannungen gibt es selbst später im Stuhlkreis nicht, als Kilian den Klassenkameraden sein Lieblingsspiel vorstellt, an dem nur vier Kinder teilnehmen können. Die anderen schauen geduldig zu. „Das Sozialverhalten der Kinder ist fantastisch“, schwärmt Christina Melchior über die Erfolge nach den ersten Monaten. Ihre „derzeit nicht behinderte Tochter“ – damit betont sie die Möglichkeit, dass es jeden jederzeit treffen kann – besucht ebenfalls die Kooperationsklasse. Melchior ist Vorsitzende des 1999 gegründeten „Fördervereins Integrative Schule Coburg“ (FISCo), der den Schulversuch „in zweijähriger Knochenarbeit“ beim Kultusministerium durchgesetzt hat. Der Verein wollte das Konzept der integrativen Kindergartengruppen, die in Coburg seit 20 Jahren bestehen, „endlich auch in der Schule weiterführen“.
Für das Vorhaben sammelte FISCo Unterschriften und Geld und mobilisierte ein Netzwerk aus Familien, Schulen, Ämtern und Politik. Noch im Februar 2001 wollte das Kultusministerium das bereits zugesagte Modell kurzfristig kippen, weil man Bedenken hatte, dass sich Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen nicht angemessen betreuen ließen. Erst nach erneuten Verhandlungen, bei denen sich der Coburger Landtagsabgeordnete Jürgen Heike (CSU) mit dem Schulversuch an den Bildungsausschuss wandte und dort auf „breite Zustimmung“ stieß, gab es grünes Licht.
„Ohne den Verein und den großen Einsatz aller Beteiligten wäre die Kooperation niemals zustande gekommen“, resümieren die beiden Schulleiter Adele Bessler und Jürgen Meier. Wie man sehe, sagt Meier, ließe sich vieles machen, wenn man nur wolle. Doch beide halten das Engagement nicht für selbstverständlich. Es funktioniere, „weil alle zum Umdenken bereit sind, betont Bessler. Mit großer Sensibilität müssten alle darauf achten, dass niemand zu kurz kommt. So versuche man auch, Eltern und Lehrer der Parallelklasse 1a zu unterstützen, die nun eine größere Schülerzahl akzeptieren müssen. Dabei sind sich alle einig, dass die größten Hürden für den „Glücksfall Coburg“, wie Melchior sagt, auf der Verwaltungsebene lagen. Im September soll eine zweite Kooperationsklasse eingerichtet werden, die Zustimmung des Ministeriums steht noch aus.
 


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letzte Aktualisierung: 11.4.2002
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