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Theresa hat Skoliose Home  |  Suchen
Quelle: Leben mit Down-Syndrom Nr. 44, Sept. 2003, S. 20

Anlässlich der Vorsorgeuntersuchung U 10 für Jugendliche mit 13 Jahren äußerte unser Kinderarzt bei meiner Tochter Theresa den Verdacht auf Skoliose. Ihr Brustkorb wäre verschoben, die Wirbelsäule seitlich verbogen und ich hatte das, obwohl ich jeden Tag mein Kind nackt sehe, nicht bemerkt. Eine genaue Untersuchung inklusive Röntgenaufnahmen in einer Fachklinik bestätigte den Verdacht.

Eigentlich hatte ich insgeheim die Hoffnung, mit Krankengymnastik wäre dem Ganzen beizukommen. Der begutachtende Arzt machte allerdings meine Hoffnung schnell zunichte. Auf meine Nachfrage, was denn passieren würde oder könnte, wenn die Skoliose unbehandelt bliebe, war die Aussage für mich wenig tröstlich. Die Prognose reichte von „Es kann sein, dass sich der Zustand Ihrer Tochter nicht weiter verschlimmert!" bis „Der Neigungswinkel der Skoliose kann sich so weit verändern, dass im schlimmsten Fall durch das Zusammenschieben des Brustkorbes die Atmung beeinträchtigt wird und weitere innere Organe in Mitleidenschaft gezogen werden". Wie gelähmt trat ich den Weg zur Orthopädietechnik, die der Klinik angegliedert ist, an. Dort hatte uns der Arzt sogleich hinverwiesen, denn es sollte ein Gipsabdruck vom gesamten Oberkörper gemacht werden, der die Vorlage für die spätere Orthese (Korsett) bilden würde.

Mein Mädchen ließ dies alles weitestgehend tapfer über sich ergehen. Erst als man ihr den gesamten Oberkörper mit Mullbinden einwickelte, um anschließend den warmen, schnell abbindenden Gips darüber zu verstreichen, kullerten ihr die Tränchen übers Gesicht. Der Gips war aber rasch trocken und Theresa wurde von ihrem „Panzer" befreit. Anschließend durfte sie unter verschiedenen Farbmodellen wählen, wie ihr Korsett später einmal aussehen sollte. Bei einem besonders coolen, bunten Exemplar war sie davon überzeugt, dieses Modell und kein anderes solle es sein.

Nachdem ich die Diagnose einigermaßen verarbeitet hatte, wollte ich wissen, wie häufig und über welchen Zeitraum Theresa dieses Korsett denn nun tragen müsse. Die Aussage war niederschmetternd, obwohl der behandelnde Arzt wie auch der Orthopädietechniker sehr einfühlsam auch zu meiner Tochter waren. Nach einer Eingewöhnungsphase von ca. drei Wochen sollte Theresa so weit sein, dass sie das Korsett 23 Stunden täglich rund um die Uhr tragen müsste, und das auf die Dauer von mehreren Jahren, bis ihr Knochenwachstum abgeschlossen sein würde. Darüber hinaus müsse sie täglich zu Hause Gymnastik zur Stärkung der Rückenmuskulatur betreiben sowie zwei- bis dreimal wöchentlich zur Krankengymnastik gehen.

Dies alles war für mich eine schreckliche Vorstellung. Mein Kind, das jeden Tag quietschvergnügt durch Haus und Garten tobt, das klettert, Rad fährt, turnt, sollte mit einem Panzer ähnlich einer Ritterrüstung, der ihren gesamten Oberkörper bis auf wenige Ausschnitte umhüllt, herumlaufen. Vorbei die Zeit der engen Hosen und figurbetonenden T-Shirts, die Theresa wie alle jungen Mädchen so liebt. Hinein in Klamotten mit Gummibund und Schlabbershirts, auch im Hochsommer keine luftigen Kleider und Tops, stattdessen ein nahtloses T-Shirt (zwecks Vermeidung von Druckstellen), darüber das Korsett und dann die Oberschicht in Form eines weiten Shirts.

Der Tag der endgültigen Fertigstellung nahte. Theresa war hoch erfreut, als sie endlich das Korsett abholen durfte. Ganz stolz führte sie es ihren Geschwistern zu Hause vor. Seit diesem Tag trägt sie es ohne Murren. Allerdings habe ich fürs Erste - in Absprache mit unserer Krankengymnastin - beschlossen, dass sie es nur tragen soll, sobald sie mittags von der Schule zurück ist und dann aber auch in der Nacht. Klappt bisher prima, auch das Schlafen bereitet ihr keinerlei Probleme. Wenn es sehr heiß ist, hüpft sie ohne Korsett im Garten herum; schwimmen und turnen kann man ohnedies nicht damit. Zweimal in der Woche gehe ich mit ihr zur Krankengymnastik, um die Rückenmuskulatur zu stärken, und jeden Abend machen wir ca. 20 Minuten lang die in der Gymnastikstunde erlernten Übungen. Bei der Turnstunde am Abend ist Theresa noch mit großem Eifer dabei. Im Wohnzimmer breiten wir unsere Gymnastikmatten aus, legen flotte Musik auf oder schalten im Fernseher schon mal eine der heiß begehrten Kinder- oder Teeniesendungen an und manchmal übt ja auch eines der Geschwister mit. So vergehen die Übungsstunden wie im Flug.

Zunächst einmal habe ich beschlossen, die nächste Untersuchung in einem Vierteljahr abzuwarten. Sollte sich dann der Neigungswinkel der Skoliose nicht verschlechtert haben, werde ich auch weiterhin meine Tochter das Korsett nicht 23 Stunden am Tag tragen lassen. Ergibt die Kontrolluntersuchung dagegen eine Verschlechterung, nun, dann werden wir die Tragezeiten wohl neu überdenken müssen.

Claudia Dümmler


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letzte Aktualisierung: 14.10.2003