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Menschen mit Down-Syndrom, Eltern & Freunde e.V.

Beunruhigende Berichterstattung und Wertung: Tötung eines Kindes mit Autismus Home  |  Suchen
Quelle: Lebenshilfe-Zeitung 4/2002, S. 2, im Original unter http://www.lebenshilfe.de/presse/lhz/LHZ024/ethik024.htm

Unselige Zeiten befürchtet

In der Sendung des ARD-Boulevardmagazins "Brisant" vom 10. Oktober wurde über das Tötungsdelikt einer Mutter an ihrem autistischen Sohn berichtet. Die Art der Berichterstattung kann von den Interessenvertretungen von Menschen mit Behinderungen meiner Ansicht nach nicht hingenommen werden, da in ihr der Euthanasie das Wort geredet wird.

Zum Hintergrund: Die Mutter hatte ihren autistischen Sohn, der zusätzlich Epileptiker war, mit einer Überdosis an Medikamenten umgebracht, nachdem sie ihn über Jahre aufopferungsvoll gepflegt hatte. Die Mutter war hiermit letztlich überlastet und wusste sich keinen anderen Ausweg, als ihren Sohn zu töten.

Dies habe sie in einer sehr liebevollen und "anerkennenswerten" Art und Weise inmitten seiner Kuscheltiere getan, so der Bericht.

Zu Wort kam die Staatsanwältin, die entlastende Gründe für das Strafmaß (Anmerkung der Redaktion: zwei Jahre auf Bewährung und Anweisung, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben) vorbrachte: Zu diesen zählte, dass der Junge zu 100 Prozent geistig behindert gewesen sei. Können wir uns tatsächlich zu solch kategorischen Aussagen versteigen, wo doch innerhalb des Expertentums über Nichtkönnen bei Autisten nichts außer Unklarheit existiert. Und es mehren sich ehedem zu 100 Prozent geistig behinderte Autisten, die als Erwachsene Abitur machen und über gestützte Kommunikation Bücher schreiben (Anmerkung. der Redaktion: vergl. unter der Rubrik Menschen "Christoph wurde immer wieder verkannt!").

In "Brisant" kam auch der betreuende Pastor, Norbert Harms, von der Bremischen Evangelischen Kirche zu Wort. Seine Aussage lohnt, wörtlich wiedergegeben zu werden: "Das war, wenn man es so paradox beschreiben kann, gewaltlos, wie es dieser Frau nur möglich war, ihrem Sohn ein anderes, überhaupt vielleicht ein Leben möglich zu machen, denn das hatte er hier nicht und davon bin ich zutiefst überzeugt. Er hatte keinen Lebensort, an keiner Stelle, nicht bei ihr, nicht woanders." Das ist die Legitimierung von Euthanasie durch einen Vertreter der Kirche, unrelativiert durch den Moderator Axel Bulthaupt in Millionen von Haushalten gegangen. Ich sehe unselige Zeiten auf behinderte Menschen zukommen, wenn sich das vom Leiden geprägte Bild über sie in der öffentlichen Meinung mit dem ökonomischen Kalkül eines Teils der Politik paart.

Der Fernseh-Bericht hat mich tief erschüttert, nicht zuletzt, weil ich selbst einen autistischen Sohn und einen mit Down-Syndrom habe. Wir haben mit ihnen Erfahrungen gemacht, die ein deutlich anderes Bild zeichnen würden als in "Brisant" wiedergegeben. Ich wünsche mir, dass die Lobby behinderter Menschen einer solchen Berichterstattung machtvoll etwas entgegenzusetzen weiß.

Dr. Wolfgang Hiltscher, Göttingen
 
 
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letzte Aktualisierung: 8.12.2002